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In welche Startups Konzerne investieren - Aktuelle Trends bei Corporate Venture Capital

von Dr. John Lange

Weltweit sind Venture Capital-Investoren auf der Jagd nach disruptiven Technologien und Geschäftsmodellen. Ein Innovationspotenzial, das auch Unternehmen erkannt haben. Zunehmend nutzen sie Beteiligungen an innovativen Startups, um sich im globalen Innovationswettlauf Zugang zu neuen Wachstumspotenzialen zu sichern. Von besonderem Interesse für Finanz- wie für strategische Investoren sind Querschnittstechnologien wie z.B. Artificial Intelligence, die in vielen Branchen disruptive Marktveränderungen hervorrufen können. Doch gegenüber Venture Capital-Fonds verfügen Corporates über weniger Kapital. Zugleich machen die gestiegenen Bewertungen es ihnen schwer, einen relevanten Anteil an “game-changing” Startups zu sichern. Vor allem deutsche Unternehmen sind traditionell zurückhaltend, wenn es um Investments in externe Innovation geht. Dieser Artikel zeigt auf, in welche branchenübergreifenden Innovationsfelder Konzerne weltweit investieren.

Corporates sind in einem Viertel aller Startup-Investments involviert

Das globale Volumen an Venture Capital ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen, allein in 2018 um +50%*. Dabei haben sich größere Unternehmen als relevante Player im Venture Capital-Markt etabliert: bei 24% aller Startup-Investments waren 2018 Corporates alleiniger Investor oder an der Finanzierungsrunde beteiligt. 

Mit dem dynamischen Wachstum des Gesamtmarktes können Corporates jedoch nicht mithalten. Mit +27% sind Corporate-Investments 2018 nur etwa halb so schnell gestiegen wie der Gesamtmarkt. Eine Erklärung dafür ist, dass sich Venture Capital-Fonds aufgrund der niedrigen Kapitalmarktzinsen über reichlich Kapitalzufluss von Finanzinvestoren freuen können, Unternehmen aber Startup-Investments aus dem eigenen Cashflow finanzieren.

Beteiligungen an Startups als strategisches Wachstumsinstrument

Dabei spielt für Corporates – anders als für Finanzinvestoren – der Financial Return aus Exits nicht unbedingt die entscheidende Rolle. Für viele sind Startup-Investments vor allem ein strategisches Instrument, um Zugang zu externer Innovation und neuen Wachstumsquellen zu erhalten, aber auch zu mehr unternehmerischer Dynamik sowie Gründer- und Technologie-Talenten.

Investments in Startups sind ein zuverlässiger Indikator für Wetten auf disruptive Innovationen. Das gilt auch für Corporate-Investoren. Um herauszufinden, in welche Innovationsfelder, Phasen und Regionen Corporates am stärksten investieren, haben wir die Corporate-Investments der letzten Jahre analysiert*. Dabei haben wir zwölf branchenübergreifende Innovationsfelder und Querschnittstechnologien selektiert, die in unterschiedlichen Industrien Innovationsschübe auslösen können.

Welche Innovationsfelder stehen im Fokus von Corporate-Investoren?

Die Analyse der Investmentströme zeigt, welche Innovationen Unternehmen aktuell spannend finden. Von den zwölf ausgewählten Innovationsfeldern floss 2018 das meiste Kapital in Startups aus den Bereichen Artificial Intelligence / Machine Learning / Big Data (zusammen „AI“), Mobility und Healthcare. 

Wie die Grafikanimation für die sechs größten Innovationsfelder veranschaulicht, gibt es von Jahr zu Jahr deutliche Schwankungen, die von kurzfristigen „Hypes“ und einzelnen größeren Transaktionen beeinflusst werden. Ein Beispiel für eine größere Transaktion im Bereich Big Data/IoT war 2018 die Übernahme von relayr durch die Münchener Rück (zu einer Bewertung von $300 Mio.), um Kunden zukünftig Instrumente für Risikomanagement, Datenanalyse und Finanzmanagement anbieten zu können.

Aufgrund der Schwankungen lohnt sich ein Blick darauf, welche Bereiche über einen längeren Zeitraum am stärksten gestiegen sind. Im 5-Jahreszeitraum 2014-2018 weisen die Themen Blockchain inkl. Cryptocurrency (CAGR +181%), Robotics/Drones (CAGR +86%) und FinTech (CAGR +55%) die stärksten Anstiege auf. Rückläufig dagegen waren Investments in Mobile (CAGR -11%), VR/AR (CAGR -3%) und E-Commerce (CAGR -2%).

 

Es gibt jedoch regionale Unterschiede abseits jährlicher Schwankungen. Die folgende Übersicht zeigt die Top 3-Innovationsfelder im 5-Jahres-Zeitraum 2014-2018 für Nordamerika, Asien und Europa:

Zur Frage, wer im globalen Innovationswettlauf bei AI die Nase vorn hat: im Zeitraum 2014-2018 flossen dreimal höhere Corporate-Investments in nordamerikanische AI-Startups als in asiatische (d.h. vor allem chinesische). 

In welchen Innovationsfeldern sind Corporates überproportional investiert?

Neben der absoluten Höhe und dem Wachstum gibt auch der relative Anteil von Corporate-Investments im Vergleich zum gesamten Venture Capital-Markt einen Anhaltspunkt für das besondere Interesse von Unternehmen an diesen Themen.

Den höchsten Corporate-Anteil hatten 2018 die Themen Robotics/Drones (37%), AI (34%) und Cyber Security (31%). 2017 waren es Robotics/Drones (54%), Mobile (43%) und IoT (41%), während 2014 noch VR/AR (64%), Mobile (46%) und Mobility (41%) bei Corporates besonders beliebt waren.

Auch hier liefern Betrachtungen nach Regionen und Phasen zusätzliche Erkenntnisse: 

  • In Deutschland beispielsweise war der Anteil von Corporate-Investments in der 5-Jahres-Betrachtung im Bereich Robotics/Drones am höchsten. 
  • In Seed- und Early Stage-Phasen investierten Corporates überproportional in die Bereiche AR/VR, Robotics/Drones und Cyber Security.

Regional gesehen ist der relative Anteil von Corporate-Investments in den USA (26%) höher als in China (17%) und Deutschland (14%). Vor allem die großen US-Tech-Firmen wie Intel, Alphabet oder Microsoft gehören seit vielen Jahren zu den Top 10 der aktivsten Corporate-Investoren (siehe hierzu auch unsere Fallstudie zu Google Ventures (GV). Zunehmend stoßen vor allem chinesische Konzerne in diese Spitzengruppe vor. 

Auch nach Phasen ergibt sich über die fünf Jahre betrachtet ein klares Bild: der Anteil von Corporate-Investments steigt mit zunehmender Reifestufe der Startups. Während der Anteil in der Seed-Phase nur bei 8% liegt, beträgt er bei Later Stage-Investments 25%. Corporates investieren bevorzugt in reifere Startups. Sie schätzen den größeren Impact, das geringere Risiko und den höheren Professionalisierungsgrad.

In welchen Bereichen sind Investments am teuersten?

Interessant ist auch, in welchen Innovationsfeldern Corporates die höchsten Preise bezahlt haben (gemessen an der durchschnittlichen Investmentsumme pro Deal). Das Ergebnis: die “teuersten” Innovationsfelder waren 2018 Mobility ($60 Mio.), FinTech ($11 Mio.) und Health Care ($8 Mio.).

Kurzfristig wird die Rangfolge von einzelnen größeren Transaktionen beeinflusst. Die höchsten Preissteigerungen über die letzten drei Jahre (2016-2018) verzeichneten hingegen Mobility (CAGR +190%), SaaS (CAGR +60%) und FinTech (CAGR +52%), während die Bewertung von Startups im Bereich VR/AR im selben Zeitraum deutlich zurückging (CAGR -33%). 

Woher kommen die Preisanstiege? Sie sind in erster Linie Ausdruck der immensen Zukunftschancen, die Investoren mit einigen der Querschnitts-Technologien verbinden. Hinzu kommt der starke Anstieg des globalen Investmentkapitals, das auf eine begrenzte Anzahl attraktiver Startups trifft. Und drittens hat sich der Anteil von “günstigen” Seed-Investments über die letzten Jahre etwas reduziert (siehe unten).

Die hohen Bewertungen erschweren es Unternehmen zunehmend, sich relevante Anteile an den besonders begehrten Startups zu sichern. Mega-Fund-Syndikate wie der Softbank Vision Fund mit einem Volumen von $100 Mrd. und der gerade neu aufgelegte Softbank Vision Fund 2 mit einem Volumen von $108 Mrd. sind Ausdruck für die Bereitschaft und Notwendigkeit, viel Kapital in disruptive Technologien zu investieren.

In welche Regionen investieren Corporates am stärksten?

Die regionale Verteilung von Corporate-Investments zeigt, dass global gesehen die meisten Investments nach Nordamerika gehen, in erster Linie in die USA. Das ist wenig überraschend, da das Startup-Ecosystem in den USA am größten ist, und US-amerikanische Tech-Firmen traditionell als Investoren sehr aktiv sind. 2018 lag der Anteil von Nordamerika an den weltweiten Corporate-Investments bei 54%. Die aktivsten Corporate VCs waren im Jahr 2018 Google Ventures, Salesforce Ventures, Intel Capital, M12 von Microsoft und Baidu Ventures. Alle können eine starke finanzielle Performance aufweisen und das obwohl sie strategisch investieren. Der zweitgrößte Anteil entfällt auf Asien (vor allem China) mit 35% bei steigender Tendenz, während der Anteil von Nordamerika in den letzten fünf Jahren tendenziell gesunken ist. Der Anteil von Europa stagniert bei rund 8%.  

Quelle: Crunchbase 

Auf Deutschland entfielen 2018 dabei nur 2% der Corporate-Investments. Dies liegt zum einen an der niedrigeren Bewertung deutscher Startups im globalen Vergleich als auch an der größeren Zurückhaltung deutscher Corporates hinsichtlich Startup-Investments. Dieser Rückstand verstärkt sich, wenn man die Corporate-Investments in Deutschland in Relation zum BIP stellt und dann mit den USA und China vergleicht:

Quelle: Crunchbase, The Worldbank

Bemisst man die regionale Verteilung nicht nach dem wertmäßigen Investment, sondern nach der Anzahl der Deals, verdoppelt sich der Anteil deutscher Startups auf 4%. Ein Hinweis darauf, dass deutsche Startups kleinere Finanzierungsrunden abschließen. Umgekehrt ist der Effekt in in Asien, wo der mengenmäßige Anteil als Ausdruck hoher Bewertungen nur etwa halb so groß ist wie der wertmäßige (17% vs. 35%).

In welche Phasen investieren Corporates?

Gemessen an der Anzahl von Deals fließen die meisten Corporate-Investments in die Early Stage-Phase (54%). Während Early- und Later Stage-Investments in 2018 am stärksten gestiegen sind, haben Seed-Investments in den letzten drei Jahren stagniert. Dies kann Ausdruck der zunehmenden Reife des Marktes sein. Während die meisten Unternehmen zu Beginn ihrer Startup-Aktivitäten vor allem auf frühphasige Investments gesetzt haben, hat sich bei vielen zwischenzeitlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der relevante Impact mit zunehmender Entwicklungsstufe der Startups steigt, so dass sich der Fokus zunehmend auf Early- und Later Stage-Investments verlagert. AllianzX und Deutsche Telekom sind Beispiele aus Deutschland für diesen Trend.

Gemessen an der Höhe der Finanzierungsrunde hatten 2018 Corporate Investments zwischen $5-10 Mio. den höchsten Anteil mit 23%.

Zusammenfassung und Fazit

Startup-Investments von Corporates sind ein guter Indikator, auf welche Zukunftstechnologien die Unternehmen aktuell setzen. In den vergangenen fünf Jahren haben Investments in Blockchain/Cryptocurrency, Robotics/Drones und FinTech am stärksten zugenommen, allesamt wichtige Querschnittstechnologien, die in vielen Branchen zum Einsatz kommen können. Innovationsfelder mit einem besonders hohen Corporate-Anteil waren 2018 Robotics/Drones, AI und Cyber Security.

Mit der aktuellen Investment-Dynamik der Venture Capital-Fonds können Corporates jedoch nicht mithalten, ihr Anteil als Financier der weltweiten Innovation ist rückläufig. Dabei gehen die meisten Investments in die USA und in zunehmendem Maße nach China; Europa und Deutschland hinken hinterher, vor allem im Verhältnis zur Wirtschaftskraft.

Um einen relevanten Zugang zu den umkämpften Zukunftstechnologien zu bekommen und damit im globalen Innovationswettlauf zu bestehen, sind für Corporates Investments in Startups eine wirkungsvolle Strategie. Jedoch sind die Bewertungen bei vielen Querschnittstechnologien in den letzten Jahren stark gestiegen und erschweren es den Corporates, mit Venture Capital-Fonds mitzuhalten. Gerade Unternehmen aus Deutschland und Europa laufen aufgrund ihrer eher konservativen Investitionsneigung Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Wirkungsvolle und effiziente Konzepte sind notwendig, um das zu verhindern.

Über den Autor
Dr. John Lange ist einer der erfahrensten Experten für Corporate Venture Investing in Deutschland und verantwortet dieses Themenfeld bei hy als Senior Vice President. Als Geschäftsführer und CFO der Axel Springer Digital war er zwischen 2005 und 2017 mitverantwortlich für den Aufbau des digitalen Beteiligungsportfolios, das heute Treiber der erfolgreichen Transformation und des profitablen Wachstums des Konzerns ist. Zuvor unterstützte John u.a. das internationale Wachstum von Intershop, dem Pionier für E-Commerce-Software, dessen erfolgreichen IPO er begleitete. John ist Diplom-Kaufmann und promovierte über Innovations-Controlling.

Datenvisualisierung: Pauline Kuss

*Die Analyse basiert auf Daten von Crunchbase. Inhaltlich naheliegende Innovationsfelder wurden zusammengefasst. Um eine überschneidungsfreie Zuordnung der Investments auf die ausgewählten Innovationsfelder zu ermöglichen, wurden die Investmentsummen bei Mehrfachzuordnung gleichmäßig auf die gelisteten Innovationsfelder verteilt.

 

Corporate Venturing Beispiel: Google Ventures 

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