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Pocket Guide to Digital Transformation #4

von René Schäfer

Informationstechnologien haben grundlegend Arbeitsmärkte und Wertschöpfungen verändert, die Produktion und Verbreitung von Wissen transformiert sowie Politik, Kultur und Religion überarbeitet. Klingt vertraut? Stimmt. Nur trifft das nicht nur auf Entwicklungen der letzten Jahre zu. Die Einführung der Druckmaschine von Johannes Gutenberg prägte die europäische Gesellschaft ähnlich nachhaltig, wie das Internet heute uns prägt. Aber von Anfang an:

In der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts gab es im beschaulichen Rheinland mehr Winzereien und Rebflächen, als im Jahr 2019. Das lag nicht nur am Durst oder daran, dass der Wein wegen seines Alkoholgehaltes oft keimärmer und sauberer als Wasser war. Auch eine technologische Revolution hatte ihre Finger im Spiel. Die Effizienz und Effektivität der neuesten Spindelpressengeneration war bis dato unbekannt und machte die Weinproduktion erheblich einfacher.

Die Weinkelter waren es auch, die, zwischen 1440 und 1450, den erfolglosen rheinischen Unternehmer Johannes Gutenberg dazu verleiteten, bewegliche Lettern in eine modifizierte Traubenpresse zu integrieren, um mit ihr Bücher in Masse zu drucken. Was folgt, ist hinlänglich bekannt. Die Druckpresse breitete sich rasch über die Grenzen von Mainz hinaus aus, denn die Logistikkosten für gedrucktes Material waren noch zu hoch. Es formten sich hochkonzentrierte lokale Wirtschaften, die geprägt waren von gewinnorientierten Unternehmen mit hohen Fixkosten.

1467 fand die erste Druckpresse ihren Weg nach Rom. Sechs Jahre später begann eine Maschine in Barcelona Bücher zu drucken. 1475 folgte Modena, 1496 Granada und um 1500 hatte jede fünfte deutsche, schwedische, schweizerische, dänische oder niederländische Stadt eine eigene Druckerei. Es folgte ein radikaler Preisverfall für gedruckte Werke. Zwischen 1450 und 1500 sank der Preis für Bücher um zwei Drittel. Das Speichern und Übertragen von Wissen wurde erschwinglich und zunehmend wurde Latein durch den lokalen Volksmund ersetzt.

Zwischen 1500 und 1600 wuchsen Städte mit Druckereien zwischen 20 und 80 Prozent schneller, als Städte ohne Druckereien. Historiker gehen sogar davon aus, dass die Wohlfahrtswirkung des gedruckten Buches einer Einkommenssteigerung von 5% in den 1540er Jahren und einer Einkommenssteigerung von 10% in den 1690er Jahren entsprach. Zum Vergleich: Die gleiche Methodik legt nahe, dass die Wohlfahrtsauswirkungen des PCs in den Vereinigten Staaten in den 2000er Jahren einer Einkommenssteigerung von 2-3% entsprachen.

Die globale Ausbreitung des Buchdrucks läutete einen der wichtigsten Paradigmenwechsel der modernen Menschheitsgeschichte ein

Über hunderte von Jahre führten elitäre Gemeinschaften von Mönchen die Zivilisation durch ein dunkles Zeitalter und hüteten das Wissen und hielten es am Leben. Nur sie hatten Zugang zu privilegierten Informationen, privilegiertem Wissen und privilegierten Werkzeugen. Dann kam die Druckmaschine und hat alles durcheinander gebracht. Mit der Verbreitung von Lesematerial wuchs die Lese- und Schreibkompetenz exponentiell, was in der Folge zu dichten und vernetzten Kommunikationsnetzwerken in Mitteleuropa führte. Die Bevölkerung musste sich nicht mehr auf Redner und Prediger verlassen, sondern konnte neue Ideen und Sichtweisen durch Bücher und Schriften erfahren. Nicht vorhandenes Wissen – vor allem grundlegendes mathematisches Wissen, Buchhaltungstechniken und bargeldlose Bezahlsysteme (!) – wurde plötzlich verteilt zugänglich, sodass eine neue moderne Wirtschaft aus der Taufe gehoben werden konnte.

Abbildung 1: Das Smartphone des 15. Jahrhunderts (Bild: Wikipedia)

Ohne Gutenberg wäre auch Luther im langen Atem der Geschichte verschwunden. Doch die verteilte Druckmaschineninfrastruktur und der Wettbewerb zwischen den Druckern in Europa haben es seinen Thesen ermöglicht, sich innerhalb von wenigen Monate über das deutsch-sprechende Mitteleuropa zu verteilen. Die Druckpresse ist damit zu einem zentralen Katalysator der Reformationsbewegung geworden und entfesselte eine europäische Revolution nach der nächsten, was schlussendlich in chaotischen Tumulten und schwerwiegenden Kriegen endete.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich – Warum man die Erfolgsgeschichte des Internets mit der Druckpressenrevolution vergleichen kann

Die Geschichte des Internets ist in Zügen vergleichbar mit der Erfolgsgeschichte der Druckpresse. Tim Berners-Lee entwickelte seine Protokolle für den wissenschaftlichen Datenaustausch von Hypertextdokumenten. In dieser dynamischen Ursuppe entstanden die Grundsteine neuer technologischer Infrastrukturen, welche uns auf eine Art und Weise vernetzen, wie es damals Luther’s Pamphlet oder Bücher im Allgemeinen taten.

Der Preisverfall eines PCs zwischen 1977 und 2004 folgt einer ähnlichen Entwicklung wie der Rückgang des Preises für ein Buch in England zwischen den 1490er und 1630er Jahren. Lernte damals die Menschheit Lesen, um Zugang zu Wissen in Büchern zu erhalten, lernen wir heute im Internet zu surfen, um Zugang zu Wissen in Datenbanken zu erhalten. Noch nie zuvor waren so viele Menschen in einem Netzwerk miteinander verbunden, über das sich Informationen und Memes in Lichtgeschwindigkeit verbreiten.

Abbildung 2: Preise und Anzahl von Büchern und PCs, 1490-1630 bzw. 1977-2004, Dittmar (2011)

Die Druckpresse und das Internet veränderten maßgeblich den öffentlichen Raum. Beide Entwicklungen entzogen zentralisierten und hierarchisch organisierten Institutionen die Macht und stärkten den Einzelnen. Diese Disintermediationsdynamiken führten dazu, dass Medienkonsum und -produktion zu einer geteilten Aktivität wurden. Der Fluss von Informationen und Narrativen wechselte von „Oben nach Unten“ hin zu horizontalem Austausch über Hierarchieebenen hinweg.

Allerdings mussten sich beide Entwicklungen eingestehen, dass ihre utopischen Ziele von technologiegetriebener Gleichheit und Brüderlichkeit Wunschträume blieben. Der Erfolg des Buchdruckes hatte zur Folge, dass sich im 16ten und 17ten Jahrhundert hunderte von Sekten ausbreiteten und die mitteleuropäische Gesellschaft von einem Hexenwahn befallen war. Ähnliches erleben wir heute in einer anderen Form: Ohne das Internet, hätten sich die Gräueltaten von ISIS und anderen politisch-motivierten Gewalttätern nicht so schnell ausbreiten und über den Erdball in lokalen Zellen manifestieren können. Versank Europa in der Mitte des 15ten Jahrhunderts in religiösen Kriegen, wird Territorialhoheit heute vor allem digital ausgefochten (siehe Wahlen in den Vereinigten Staaten 2018, Angriffe auf kritische Infrastrukturen, politisch-motivierte Investitionen in Grundlagentechnologien und globale disruptive Geschäftsmodelle etc).

Der Unterschied zwischen Gestern und Heute – Monopolistische Tendenzen und rapide wachsende Ungleichheit

Die Internetrevolution ist um mehrere Größenordnungen schneller und verteilter als Druckpressenrevolution. 1998 waren nur knapp 3% der Menschheit an das Internet angeschlossen. Heute sind bereits 55% der Weltbevölkerung mit einem Internetzugang ausgestattet. Was damals Jahrhunderte dauerte, dauert in unserer Zeit nur noch Jahrzehnte. Auch wenn die Rate an Smartphoneverkäufen und Internetnutzern nicht mehr dramatisch steigt, wächst sie dennoch stetig. Zudem können immer mehr Menschen über das Internet kommunizieren, weil wir uns weg von Schrift hin zu Bildern, Video und Sprachaufnahmen bewegen.

Betrachtet man die sozio-ökonomischen Konsequenzen, lässt sich ein weiterer Unterschied feststellen. Gutenberg wurde kein Bill Gates seiner Zeit. Fehlende Schutzrechte und Monetarisierungsmodelle für Druckerzeugnisse führten dazu, dass Gutenberg und seine Mitstreiter keine Milliardenvermögen über Technologiepatentmonopole anhäuften. Im Gegensatz dazu haben wir heute ungleich verteile Netzwerksuperknoten, die ihre Technologien verschließen und schützen. Egal of Software, Hardware, Services oder Kommunikationsinfrastrukturen. Überall entstehen dominante Oligopole.

Auch wenn Facebook, Apple, Netflix und Google offene und verteilte Netzwerke fördern, streben sie monopolistische Macht in ihren jeweiligen Segmenten an. Hinzukommen ungleich verteilte zögerliche Regierungen und Regulatoren. Es verwundert daher nicht, dass das offene und verteilte Internet am Ende sehr konzentriert in der Hand der Unternehmen liegt, welche die Netzwerke, Infrastrukturen, Plattformen und damit auch die neu entstandenen Märkte kontrollieren. Mit der Konsequenz, dass Ungleichheit rapide wächst.

Früher waren es Kirchen, heute sind es geschützte heilige Serverhallen, die unergründliche Macht demonstrieren

Die durch den Buchdruck eingeläutete Ära nach 1500 war geprägt durch folgenschwere Revolutionen. Doch die Menschheit knüpfte immer fruchtvollere Netzwerke und verabschiedete sich sogar nachhaltig von religiösen Hierarchien. Die Wechselwirkung zwischen Technologie und Wettbewerb hatte zudem erhebliche Auswirkungen auf das Wirtschaftleben und Produktion im Allgemeinen. Die Wirkungen waren multidimensional, auch weil Reaktionszyklen und -schleifen sich gegenseitig verstärkten. Doch was geschieht heute?

Abbildung 3: Facebook’s heiliges Rechenzentrum in Prineville, Oregon, Wikimedia

Sicher ist, dass die erfolgreichsten digitalen Unternehmen unsere Zeit die Zukunft stark romantisieren. Sie wollen mit ihren Plattformen Gleichheit und Chancen für Alle fördern. Doch die Wahrheit ist, dass sie sich selbst immer weiter von dem romantischen Ideal entfernen. Sie fördern den Gedanken von freien Netzwerken, besetzen aber essentielle und kritische Infrastrukturen. Unterseekabel, Satellitennetzwerke, Glasfasernetzwerke oder Hallen voller Server sind in der Hand von immer weniger Unternehmen. Zwar haben sie weltumspannende Netzwerke ermöglicht und neue Märkte geschaffen, doch geleitet und betrieben werden sie von Wenigen in einer strikten hierarchischen Struktur (welche stark anfällig für extreme politische Einflüsse sind).

Die Utopie eines freien Internets ist und bleibt eine Utopie. In der Realität teilen sich die größten amerikanischen und chinesischen Digitalunternehmen das globale Internet. Virtuell wie zunehmend auch physisch. Europa hat den Anschluss verpasst und versucht über Regulation zu retten, was zu retten ist (siehe Kartellrecht, rückwirkende Steuergesetze, Diskussionen über Datenschutz und Datensicherheit etc). China hingegen hat den Kampf frühzeitig angekommen, dominante amerikanische Netzwerkknoten ausgeschlossen und bessere, eigene Plattformalternativen und -märkte aufgebaut.

Wenn man etwas aus dem Vergleich „Druckpresse und Internet“ lernen kann, dann, dass wir möglicherweise erst in den Kinderschuhen einer weitreichenden und nachhaltigen Veränderung stehen, die ebenfalls geprägt sein wird von Umbrüchen und Revolten. Der Kampf um digitale Territorien und physische Infrastrukturen hat gerade erst begonnen.

// Hinweis: Dem Text grundlegende Überlegungen entstammen Niall Ferguson’s The Square and the Tower: Networks, Hierarchies and the Struggle for Global Power. Keine uneingeschränkte Empfehlung.

Über den Autor
René Schäfer unterstützt unsere Kunden dabei, Treiber von sich verändernden Systemen, Bedürfnissen und Umbrüchen zu antizipieren, zu verstehen, zu analysieren und Ableitungen für das eigene Umfeld zu treffen. Er beschäftigt sich mit den Grundlagen der Internetökonomie und den Auswirkungen von Zukunftstechnologien. Zuvor gründete er Hypermorgen, eine Beratungsfirma für strategische Vorausschau und langfristige Zukunftsfragen. Er studierte Geschichte und Philosophie der Wissenschaft und Technik sowie Zukunftsforschung in Frankfurt am Main und Berlin.

 

Pocket Guide to Digital Transformation #2

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