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Reading List November

von Martin Spindler

Was ist technologischer Fortschritt? Ist es eine Gefahr, wenn er von disruptiven Playern aus dem Valley ausgeht? Von China? Oder profitieren wir gar, trotz Disruption? Geht es ums Bewahren, oder ums Gestalten? Wie wir handeln, wie wir also unsere Unternehmen ausrichten, auf neue Markteintritte reagieren, Innovation betreiben, hängt von den Narrativen ab, die wir über Geschehnisse bilden. Diese Narrative werden damit handlungsleitend, und so lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Narrative – Stories – und ihre Wirkweisen zu werfen.

Damit in die Rückschau des letzten Monats:

Bloomberg: Robert Shiller on Infectious Narratives in Economics: Excerpt

Robert Shiller, Nobelpreisträger für Ökonomie, hat mit seiner Arbeit zu Behavioural Economics die Wirtschaftsorthodoxie erfolgreich ins Wanken gebracht. Nun schickt er sich an, mit mit seinem neuen Buch Narrative Economics, seine Erkenntnisse in die Makroökonomik zu übertragen. In diesem macht er eine Rundreise von Technological Unemployment über Bitcoin und Rezessionen, getrieben von der Frage: Welchen Einfluss haben die Geschichten, die wir uns über wirtschaftliche Entwicklungen erzählen, auf eben diese wirtschaftlichen Entwicklungen? Wir lernen: enorme. Und somit schaffen wir ein Fundament, wirtschaftliche Zusammenhänge auf neue Art zu begreifen und zu analysieren, und zwar jenseits der reinen Zahlen. Denn es bringt nichts, zu argumentieren: die Zahlen sagen es gäbe keine Rezession. Wenn jeder befürchtet, es käme die Rezession, dann wird sie auch kommen. Ähnlich verhält es sich mit Innovation. Allein das richtige Narrativ zu technologischem Fortschritt kann eben diesen Wirklichkeit werden lassen.

Financial Times: The powerful forces reshaping America’s capital markets (€)

Eine dieser Geschichten oder Stories, die gerade massiv unser wirtschaftliches Handeln beeinflussen, lässt sich in einem kurzen Satz zusammenfassen: „Private markets are the new public markets.

Während noch vor wenigen Jahren der Schritt auf das Handelsparkett, der IPO, für Unternehmen einer gewissen Größe nahezu unumgänglich war, um die entsprechende Wachstumsfinanzierung zu erhalten, und das deutsche Modell des in Privatbesitz befindlichen Mittelstands eher die Ausnahme auf globaler Bühne darstellte, wandelt sich das Bild dramatisch. Unternehmen, vor allem Startups, können immer länger am privaten Markt Finanzierung erhalten. 

Dies hat zur Konsequenz, dass Berichtspflichten entfallen, wir also immer weniger Erkenntnisse aus Geschäftsberichten ziehen können, aber auch, dass deutlich weniger Accountability vorliegt, denn diese Unternehmen sind nicht einem weiten Markt verpflichtet, sondern einer relativ geringen Anzahl institutioneller Anleger.

FinanceFWD: In ihrem ersten Pitchdeck von 2013 skizzieren die N26-Gründer ein ganz anderes Unternehmen

Genau diese Verlagerung von Wirtschafts- und Innovationsaktivitäten in die weniger beleuchteten privaten Märkte erfordert aber eine genauere Analyse. Denn das Narrativ ist trotz allem nicht der einzige Erfolgsfaktor. Die Fähigkeit, zugrundeliegende Trends und Faktoren von einem ersten Pitchdeck zu abstrahieren, und Wertpotential zu erkennen, kennzeichnet erfolgreiche Innovationen. Die Geschichte des ersten Pitchdecks von N26, einem mittlerweile mit 3.5 Mrd. € bewerteten FinTech (Full Disclosure: unser Mehrheitseigentümer und Mitnamensgeber Axel Springer SE war über das Beteiligungsvehikel Axel Springer Plug’n’Play der erste Investor) zeigt eingänglich, wie aus einem initialen Pitch eine wirkliche Innovation werden kann.

Harvard Business Review: Why Companies Do “Innovation Theater” Instead of Actual Innovation

Umso fataler ist es natürlich, wenn Unternehmen nur die Geschichte von Innovation beherzigen, ohne die Fundamente von Innovation zu beherzigen. Innovation Theater oder Cargo Culting sind die — oft absehbare — Folge. Steve Blank, Mitbegründer des Lean Startup Movements und Mittlerweile Professor an der Stanford University, beleuchtet für die Harvard Business Review die Ursachen: Ein zu starkes Augenmerk auf Organisationsdesign und Prozesse, und zu wenig Verständnis für die Motivationen, die hinter diesen Prozessen bei Startups liegen. Ein eingängigesArgument, bestehende Narrative besser zu durchleuchten, und eigene aufzubauen. Alles andere ist eben nur Theater.

Bertelsmann Stiftung: Innovative Milieus – Die Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen

Das sich die deutsche Wirtschaft in großen Teilen mit dem Schaffen der eigenen Story schwer tut, ist kein Geheimnis. Selbst Made in Germany, mittlerweile global anerkanntes Qualitätsmerkmal, war eine britische Erfindung und diente dem Schutz der eigenen Wirtschaft.

Die Bertelsmann Stiftung liefert mit ihrer Studie zu Innovationsmilieus einen notwendigen Debattenbeitrag, der aufhorchen lassen sollte. Zwar sind deutsche Unternehmen durchaus innovativ, allerdings in der Mehrzahl in Innovationsbereichen, die wenig erfolgreich oder stark unstrukturiert sind. Und nur 6% deutscher Unternehmen fußen ihre Innovationsaktivitäten auf Innovationsführerschaft oder Disruption.

Hier braucht es dringend neue Narrative.

Über den Autor

Martin Spindler unterstützt unsere Kunden bei strategischen Fragestellungen der Digitalisierung. Er hat extensive Startup-Erfahrung und war zuletzt Gründer eines Strategieberatungs-Netzwerkes, welches sich auf die Auswirkungen des Internets der Dinge auf Geschäftsmodelle, Produktarchitekturen und Unternehmensstrategie konzentrierte. Martin versteht sich auf die Identifizierung struktureller Marktveränderungen und darauf bauenden Gestaltungsspielräumen. Er studierte Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre und Islamwissenschaften an der Universität Heidelberg.

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