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Die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist Freiheit

2020 beginnt für mich mit einer Reise in die Antike zu dem griechischen Philosophen Epikur, der 341 – 271/70 v. Chr. lebte. Für ein Seminar im Februar will ich sein Denken vergegenwärtigen, denn der Philosoph der Freude hat schon vor mehr als 2000 Jahren gute Gedanken zum guten Leben geteilt, darunter einen meiner Lieblingssätze: „Die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist Freiheit.“ 

Dieses Nachdenken über Mäßigung – nicht als trockenen Verzicht, sondern als kluges Genug – halte ich für unser Zusammenleben ebenfalls für unverzichtbar. Es geht ja auch für uns als Gesellschaft, die angesichts des Klimawandels einen besseren Umgang mit ihren Ressourcen finden muss, nicht nur um ein „Weg von“ sondern auch um ein „Hin zu“. Was bekommen wir, wenn wir weniger konsumieren und bewusster leben? 

Mehr Freude, würde Epikur da wahrscheinlich sagen, und das heißt in unserer Gegenwart auch schlicht mehr Zeit für Wesentliches wie Beziehungen, Selbsterfahrungen und unvergessliche Momente. Letztlich geht es um Freiräume, anders zu denken und anders zu handeln und dadurch das Leben auf eine andere Weise zu begreifen. 

Dafür muss man aber erst mal in seinem Leben ankommen, indem man sich immer wieder fragt, wer man ist, was man hat und was man braucht. Für mich ist die Beschäftigung mit Epikur diesbezüglich auch eine Einladung, über mein ganz persönliches „Genug“ nachzudenken. Dazu gehört die liebevolle Pflege von dem, was bereits da ist, was 2020 unter anderem dazu führen wird, dass ich mein erstes Buch „Der Tanz um die Lust“ nochmal sorgfältig nach lektoriere. Auch meine Kolumne über „Glücksversuche“, die ich vor Jahren mal für welt-online.de geschrieben habe, werde ich freundlich entstauben und für eine Veröffentlichung 2021 vorbereiten. 

Für das Vorwort dieser „Glücksversuche. 75 Ermutigungen zum guten Leben“ wiederum lasse ich mich von Epikurs Ausführungen über ein bewusstes und heiteres Leben und Zusammenleben inspirieren, die seit der Antike – von Lukrez über die Renaissance zu den „bösen“ Philosophen der Aufklärung – unsere europäische Geistesgeschichte durchwirken und bereichern. Denn in ihrer radikalen Diesseitigkeit liegt ein unverlierbarer Respekt vor dem Leben, anderen Menschen und anderen Kulturen ebenso wie vor der eigenen Seele; eine Daseinsachtung, die uns auch und gerade im 21. Jahrhundert orientieren und bereichern kann. Dazu sagt Epikur in seinen „Fragmenten“: „Man kann nicht in Freude leben, ohne mit Vernunft, anständig und gerecht zu leben; aber man kann auch nicht vernunftvoll, anständig und gerecht leben, ohne in Freude zu leben.“

von Ariadne von Schirach

 

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