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Covid19 eats CDOs for breakfast

Say hello to your new Digital Board Member

von Sebastian Herzog

Vor 8 Wochen habe ich angefangen einen Artikel mit dem Titel „Das CDO-Dilemma“ zu schreiben. Er handelt davon, dass CDOs häufig „zahnlose Tiger“ im Kampf um digitale Neuausrichtung von Unternehmen sind. Oftmals verfügen Sie über keine P&L – es sind halt Stabsfunktionen. Cost Center also. Aber in Unternehmen gilt das eiserne Gesetz: Keine P&L = keine Macht. So einfach ist das. CDOs leben ihre Rolle als Supportfunktionen, sie unterstützen, sie helfen, sie koordinieren. Aber sie können den Wandel nicht „erzwingen“. Erzwingen kann ihn nur der CEO — oder jeder andere Manager mit voller P&L-Verantwortung. 

Ein befreundeter Aufsichtsrat aus der Private Equity Branche sagte neulich zu mir: Wenn einer unserer CEOs heute noch einen CDO einstellt, dann sind seine/ihre Tage als CEO gezählt. Die Aussage ist natürlich sehr hart, aber sie folgt derselben Grundüberzeugung, die wir bei hy haben: Digital ist keine „Nebentätigkeit“, keine „Nachbarabteilung“. Digitalisierung ist ein Phänomen, dass sich durch alle Prozesse, Produkte und Services eines Unternehmens durchzieht. Digital ist zudem ein Launchpad, auf dem man zusätzlich viele Geschäftsmodelle neu bauen kann. 

Daraus folgt: Es braucht keine Digitalstrategie – es braucht eine Strategie, in der Digitalisierung in allen Facetten fest verankert und berücksichtigt ist. Es geht nicht(!) darum, digital erfolgreich zu sein. Es geht darum insgesamt unternehmerisch erfolgreich zu sein. Es braucht daher vor allem digital affine CEOs und keine CDOs. 

Was hat das jetzt alles mit Covid 19 zu tun? Nun, während ganze Industrien um uns herum in Schockstarre verfallen, austrocknen und kurz vor der Insolvenz stehen, passiert noch etwas anderes. Die virtuelle Vernetzung und Digitalisierung findet in unglaublicher Geschwindigkeit statt, weil sie momentan alternativlos ist. Inzwischen verstehen immer mehr Personen und Unternehmen, dass wir nicht einfach auf „Pause“ oder „Postpone“ drücken können. „Lebbe geht weiter“: Der Musiklehrer meiner Kinder macht Unterricht per Skype. Schüler kommunizieren per App und Video mit ihren Lehrern. Jeder unserer Kunden bedient „über Nacht“ mühelos die Kollaborations- und Kommunikationstools des 21. Jahrhunderts. All das, was bis gestern noch als „digitaler Schnickschnack“ abgetan wurde, ist heute unser Überlebenswerkzeug geworden. Nachdem wir uns alle jetzt mal 2 Wochen „gesammelt“ haben, mit der neuen Situation vertraut gemacht haben, KfW-Anträge vorbereitet, Worst-Case-Szenarien gerechnet und Steuerstundungen beantragt haben, wird die neue Stufe kommen. 

Der Friseur um die Ecke muss nicht schließen und insolvent gehen. Das Bedürfnis nach Nachtönung, und Co ist ja weiterhin vorhanden. Das Unternehmen eSalon nimmt genau diesen Trend auf. Fitnessstudios vermieten ihre Spinningsbikes und bieten Online-Kurse an. Telemedizinanbieter in DE wie KRY oder  Fernarzt und Symptomchecker wie Ada oder Gyant entlasten das Gesundheitssystem und schaffen Zeit für Ärzte, um sich mit Notfällen und Gesundheitsproblemen zu befassen, bei denen eine physische Untersuchung unumgänglich ist. Restaurants schicken Pakete, um ihre besten Gerichte zu Hause mit Rohzutaten wie Pizzateig + Käse + Pomodoro nachzubereiten. Apps wie Hallow ersetzen den Gang in die Kirche. Der gebeutelte Einzelhandel könnte Paypal-Zahlungen und Pick-Up vor dem Store anbieten, jedes physische Produkt könnte digital zum Verkauf angeboten werden. Solange uns die globalen Logistikketten nicht zusammenbrechen, ist in jeder Branche gerade verdammt viel möglich. Und auch etablierte Unternehmen zeigen vermehrt, dass sie unternehmerisch kreativ neue Lösungen suchen: Fraunhofer & Munich Re haben zusammen eine Challenge ausgeschrieben, um 3D-Druck Designs für Beatmungsgeräte zu suchen. Der Konsumgüterkonzern Beidersdorf stellt ab sofort neben ihren gängigen Produkten wie Nivea auch 500 Tonnen medizinisches Hand-Desinfektionsmittel her. McDonald’s vermittelt Mitarbeiter als Unterstützung an die Discounter ALDI Nord und Süd. Jägermeister stellt Alkohol für die Produktion von Desinfektionsmitteln zur Verfügung, Trigema produziert nun Kittel und Mundschutz und DM hat einen Express-Abholservice gelauncht.

Covid19 ist das imaginäre Vorstandsmitglied, welches in jeder Diskussion gerade folgende Sätze sagt:

  1. Absagen und Verschieben ist verboten! 
  2. Geht das nicht auch digital/remote/virtuell?
  3. Ich will jetzt keinen 3 Jahresplan, ich will konkrete Schritte in den nächsten 3 Tagen.

Ich höre schon die Stimmen: „NEIN, bei uns in der Immobilienbranche ist Nichts möglich, weil weder Besichtigungen noch Notartermine stattfinden können“. Ja, verstanden. Aber was wäre wenn Ersteres per Virtual Reality und Letzteres auf digitalem Wege erfolgen würde. Irgendjemand auf diesem Planeten wird gerade an genau dieser Lösung arbeiten. Die nächste Stimme: NEIN, bei uns in der Reisebranche ist nichts möglich, weil sich niemand „bewegen“ darf. Ja, aber was ist mit den Bedürfnissen, die hinter einer Reise liegen? Diese Bedürfnisse sind nicht weg – sie sind nur unbefriedigt. Und jemand wird auch sie in Corona-Zeiten erfüllen. In meiner Zeit bei Lufthansa haben wir mit einer kleinen Truppe an einer Idee „Don’t fly“ gearbeitet. Es ging darum, Business Travel und Leisure Travel auf komplett virtuelle Art zu befriedigen. Die Idee ist damals intern nirgendwo auf Interesse gestoßen. Vielleicht ärgert sich heute jemand darüber. Der raketenhafte Anstieg der Zoom-Aktie in den letzten 6 Wochen spricht Bände.

Ein Rückblick und Ausblick zum Ende:

Vor 20 Jahren ging es in der Wirtschaft ausschließlich um Größe (Skalen-Effekte als Totschlag-Argument jeder Strategie-Diskussion). Dem Aufstieg der großen digitalen Plattformen folgte das Mantra der Geschwindigkeit („Move fast and break things“ stand früh an den Wänden des Facebook HQ). Mit Covid19 geht es nun um unternehmerische Anpassungsfähigkeit in absurd hoher Geschwindigkeit. Es geht um Agilität in ihrer reinsten Form. Ohne Buzzword-Seminar, ohne Agile-Coaching, Agile-Toolbox und Co. Es geht um das „Survival of the fittest“, das „Survival of the most agile“, „Survival of the most creative and entrepreneurial“. 

Wenn sich also in wenigen Jahren die erfolgreichen Unternehmen alle gegenseitig auf die Schulter klopfen, zur gelungenen Digitalen Transformation gratulieren und sich fragen, ob CEO oder CDO der maßgebliche Treiber der Digitalisierung waren, so lautet die ehrliche Antwort wahrscheinlich: „It was Covid19 who truly transformed us“. 

Liebe Leser. So zynisch es klingen mag: Never miss a good crisis. Seien Sie nett zu ihrem neuen Vorstandsmitglied und gehen Sie offen in  jede Diskussion mit ihm. Es wird hoffentlich nur übergangsweise hier sein.

Über den Autor
Sebastian Herzog ist Partner bei hy und hilft Mittelständlern sowie Großkonzernen bei der erfolgreichen Transformation Ihres Unternehmen sowie beim Aufbau von eigenen Digitaleinheiten und Innovation Hubs. Zuvor initiierte und baute er den von der Zeitschrift Capital als bestes Lab Deutschlands ausgezeichneten Lufthansa Innovation Hub als eigenständige GmbH in Berlin auf. Auch in der vorherigen Position als Assistent des Vorstandsvorsitzenden sowie in der Strategieabteilung der Lufthansa hat Sebastian zahlreiche interne Innovationsinitiativen vorangetrieben und ist zudem Gründer des E-Commerce Startups OfficePunk. Sebastian kennt die Kombination der Welten „Corporate” und „Startup” wie kaum ein Anderer.

 

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