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Digitale Genossenschaften als Gegenmodell zu Plattform-Giganten

In den vergangenen Jahren haben Forscher entdeckt, dass sich unter jedem Wald ein komplexes unterirdisches Netzwerk aus Wurzeln, Pilzen und Bakterien befindet, welches Bäume und Pflanzen miteinander verbindet. Knapp 60% aller Bäume auf der Welt stehen über eine symbiotische Pilz-Baum-Verbindung mit ihren Nachbarn in Kontakt, was wesentlich zur Stärkung lokaler Waldökosysteme und zur Regulierung des Klimas auf globaler Ebene beiträgt.

Das soziale Netzwerk des Waldes ist ein Vorbild für moderne, datengetriebene Wertschöpfungsökosysteme. Diese sind dadurch gekennzeichnet, dass die gemeinschaftliche Wertschöpfung größer ist, als die Summe der Einzelteile. Das Ökosystem Wald zeigt, wie wichtig Vielfalt, Vernetzung, Kommunikation und Interaktion für die Robustheit, Produktivität und Anpassungsfähigkeit des Gesamtsystems ist. Nur wer sich beteiligt, profitiert vom Netzwerk, welches gleichzeitig auch die größte Ressource des Ökosystems ist.

Doch was haben Wälder und Ökosysteme mit der digitalen Wirtschaft und der Logistik zu tun? Der Aufstieg amerikanischer und chinesischer Plattformen ist eng verwoben mit der massiven Verarbeitung und Verwendung von Daten und Netzwerken. Google, Apple, Facebook, Alibaba und Tencent konnten in ihren großen Heimatmärkten innerhalb kürzester Zeit genügend Netzwerkeffekte schüren, um schnell zu skalieren. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, um so besser können Services, Produkte und Preise an die Bedürfnisse des Marktes angepasst werden. Es gibt nur noch wenige Branchen und Unternehmen, die keine Schnittstelle zu den Ökosystemen der großen Plattformunternehmen vorzuweisen haben. Das ökologische Netzwerk, welches jeden Baum im Wald vernetzt, entsteht in fünfzig bis hundert Jahren. Neue Plattformen schaffen es mittlerweile in unter zehn Jahren. 

Der Gesamtwert aller Plattformteilnehmer übersteigt dabei oft den Wert der Plattformen selbst. Auch, weil die Plattformen wissen, dass ihre Ökosysteme fortlaufend wachsen und sich dynamisch entwickeln. Ganz wie ein Wald, der ohne Biodiversität nicht überleben könnte. Digitalunternehmen wissen, dass sie kontinuierlich einen Mehrwert für ihre Akteure orchestrieren und die Wertschöpfung ausrichten müssen. Ökosysteme decken die individuellen Bedürfnisse ihrer Nutzer über ein Netzwerk verschiedener und sich ergänzender Anbieter umfassend ab und Plattformen organisieren dieses System. Sie halten die Eintrittsbarrieren für potenzielle neue Teilnehmer niedrig, schaffen aber gleichzeitig hohe Austrittsbarrieren, weil Abhängigkeiten über die Kernprodukte und Dienstleistungen hinaus entstehen. 

Nun ist es nicht so, dass europäische Staaten sich dieser Tatsache nicht bewusst sind. Mit dem Digitalen Binnenmarkt, der EU-Datenstrategie oder dem Europäischen Konzept zur Künstlichen Intelligenz soll verhindert werden, dass sich im B2B-Bereich wiederholt, was in B2C-Branchen bereits Realität ist. Auch national tut sich einiges. Die bekannteste Initiative dürfte wohl GAIA-X sein, eine Alternative zu den Cloud-Lösungen von Amazon, Google und Microsoft. 

Blicken wir in Industrien, treffen wir vielerorts auf den Wandel von materiellen zu smarten Produkten und Services und damit auch auf Plattformen. Vor allem dort, wo international agiert wird und viele Stakeholder beteiligt sind. Volkswagen entwickelt zum Beispiel gemeinsam mit Amazon die “Industrial Cloud”, eine Industrie 4.0 Plattform für digitale Produktion und Logistik, mit der VW künftig Daten aller Maschinen, Anlagen und Systeme aus sämtlichen Fabriken bündeln und vernetzen möchte. Mit Microsoft und anderen Partnern arbeitet das Unternehmen an der “Automotive Cloud”, eine Plattform für das vernetzte Fahrzeug. Sie vereint eine “Device-Plattform”, welche alle Fahrzeuge vernetzen und verbinden soll, sowie eine “Service-Plattform”, die sich an Endkunden richtet und den Gesichtern Zugriff über Schnittstellen auf die Fahrzeugdaten ermöglicht. Bei BMW fokussiert man mit der “Open Manufacturing Platform”, in Kooperation mit Microsoft, die digitale Transformation der Fertigung. Die IoT-Plattform vernetzt Roboter, Anlagen und autonome Transportsysteme und konnte im Frühjahr 2020 mit Anheuser-Busch InBev, Bosch und ZF Friedrichshafen AG weitere Partner gewinnen. Und aus dem Mittelstand kommt die “German Edge Cloud”, eine Cloud Lösung für echtzeitfähige industrielle Anwendungsfälle, die Produktionsdaten erhebt, verarbeitet und in neue Services übersetzt. 

Neben den großen Plattformen der großen Konzerne sind hier auch Supply-Chain-Management- und Logistik-Plattformen zu nennen, die ihren Beitrag zu effizienten Liefer- und Logistikprozessen leisten. Hervorzuheben sind hier zum Beispiel AirSupply und Railsupply von supplyon, die Hersteller, Zulieferer, Betreiber entlang der gesamten Lieferkette unterstützen. Oder die Plattform Discovery von VW, die 8.500 Lieferanten und Logistikdienstleister organisiert. Oder Transporeon, das ein großes Netz von Verladern und Logistikpartnern durch eine Reihe von Software-as-a-Service-Lösungen verbindet.

Überall im Mittelpunkt: Daten als Rohmaterial und Netzwerke sowie Schnittstellen als verbindende Elemente. Zunehmend verstehen einzelne Abteilungen in den Konzernen, dass Alleingänge nur zu Monokulturen führen. Man öffnet sich daher für Datendrehschreiben, die Daten neutral vermitteln, um die Datensouveränität zu gewährleisten. Ein erster Schritt. Doch leider nur Stückwerk, denn die wenigsten ändern ihre Strategien. 

Datengetriebene Ökosysteme verändern aber die Regeln des Wettbewerbs. Es geht nicht mehr zwingend um das Horten von Unternehmensvorteilen, die andere Unternehmen nicht vorweisen können, wie z.B. Patente, kritische Assets, eine starke Marke oder eine regulatorische Bevormundung. Es geht auch nicht mehr nur um Marktpositionierung oder Ressourcendominanz. Die meisten Plattformen produzieren nicht. Sie existieren, um andere miteinander zu verbinden. Sie schaffen einen Mehrwert, in dem sie Beziehungen und Netzwerke pflegen. Je mehr Personen, Waren oder daten über Plattformen in Transaktionen verwickelt sind, desto besser. Ihr Ziel ist die Maximierung aller beteiligten Akteure. Plattformen wollen die Mitglieder in ihren Öksoystemen dazu bringen, nach den von ihnen aufgestellten Regeln zu interagieren. Verdient wird dann über Zugangskontrolle (Werbung, Mitgliedergebühr, Extra-Services etc.). Mit jedem neuen Mitglied steigt der Gewinn.

Gerade im B2B Bereich stehen die Chancen für B2B-Plattformen von europäischen und deutschen Unternehmen nicht schlecht. Im komplexen Geschäft mit Industriegütern, aber auch in der Abwicklung zwischen Partnern und in den Bereichen, wo langjähriges Vertrauen notwendig ist, können Digitalunternehmen nicht punkten. Ihnen fehlen noch die nötige Expertise bzw. das domänenspezifische Wissen. 

Und egal ob man über die EU, Deutschland oder die Logistik spricht: Man ist stabil, stark und machtvoll. Es existiert ein gesunder Wettbewerb und auch Vielfalt. Die Voraussetzungen für gemeinsame Plattformen, von denen alle etwas haben, sind blendend. Doch viel zu oft verfolgen immer noch Länder, Unternehmen oder sogar Abteilungen innerhalb von Unternehmen ihren eigenen Kurs. Obwohl viele Unternehmen innerhalb einer Branche die gleichen Probleme haben, werkelt man lieber an seiner eigenen Lösung, als sich gemeinsam dem Problem zu widmen. Man hat Angst sich abzuschaffen. 

Was wir von den Bäumen lernen können ist, dass wir gemeinsam mehr erreichen können. Wälder sind oft nur lokal erfolgreich. Die Bildung des Wood Wide Webs ist kontextabhängig und kann durch Faktoren wie Bodenfruchtbarkeit, Ressourcenverfügbarkeit, Störungen und saisonale Schwankungen beeinflusst werden. Obwohl Mammutbäume auch in Europa gedeihen, erreichen sie bei weitem nicht die Masse und Klasse der amerikanischen Exemplare.

Wenn Unternehmen innerhalb von Branchen über ihren Schatten springen und beginnen würden, Daten zu tauschen, könnten sie Effizienzen heben, die sich für alle positiv ausspielen. Alle glücklich zu stimmen ist natürlich eine Herkulesaufgabe. Aber machbar. Ein mögliches Modell hierfür sind Plattform-Genossenschaften, die eine Datenplattform finanzieren, auf der sich dann digitale Ökosysteme entwickeln können. Die Aufgabe der Plattform wäre die Datenanbindung, Analyse-Services und eine Geschäftsebene, in der komplementäre Technologien, Produkte oder Dienstleistungen entwickelt werden können. 

Ein Wandel in diese Richtung ist zwingend notwendig. Denn in der Internetökonomie geraten die traditionellen Ansätze schnell an ihre Grenzen. Schwarz gemalt: Wenn Unternehmen sich innerhalb ihrer Branchen nicht vernetzen und eigene Plattformen bauen, drohen sie zu Rohdatenlieferanten zu werden. Bearbeitung, Analyse und Veredelung werden dann von global-agierenden US-amerikanischen und asiatischen Plattformen übernommen. Die Wertschöpfung wandert ab. Allzu viel Zeit bleibt uns nicht mehr.

Über die Autoren
René Schäfer unterstützt unsere Kunden dabei, Treiber von sich verändernden Systemen, Bedürfnissen und Umbrüchen zu antizipieren, zu verstehen, zu analysieren und Ableitungen für das eigene Umfeld zu treffen. Er beschäftigt sich mit den Grundlagen der Internetökonomie und den Auswirkungen von Zukunftstechnologien. 

Co-Autor: Artur Reimer

*Dieser Artikel erschien zuerst in der DVZ 

Warum die Welt der Logistik in 10 Jahren anders aussehen wird

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