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Vom Venture Builder zum Builders’ Venture – The secret sauce of organized chaos

04.07.2022 – Ein Beitrag von Danny Fiedler

From the Venture Builder to the Builders’ Venture

Es ist kein Geheimnis, wir leben in Zeiten des Wandels. Mit der zunehmenden Nachfrage nach neuen Geschäftsmodellen steigt die Notwendigkeit, den Kern des Unternehmens zu überdenken. Zunächst war man sich sicher, dass man durch die Inspiration von außen und mit ‘geklauten’ bzw. ‘Best practice’ Ideen gut aufgestellt ist. So brachte man das Physik Experimentierlabor aus dem Physikunterricht der Schule in die Unternehmen. Microsoft, Google, Apple, Elon’s Hyperloop faszinierten und motivierten uns, ein Stück weit unsere eigenen Stärken zu vergessen und eher über den großen Teich zu schauen. Als Folge dessen entstand ein Venture Builder, Innovation-Lab, Accelerator, Hub, Factory und wie sie alle heißen nach dem anderen. 

Neben fancy Tech-Namen investierten wir als europäische Unternehmen enorme Budgets in die Umgestaltung dieser speziellen Kreativ-Spaces. Arbeit sollte Spaß machen, weil mit Positivity  auch Creativity kommt. Nachdem wir unendlich viel Geld für die Umgestaltung unserer Büros und die Schaffung einer neuen Atmosphäre von Spaß Arbeitsplätzen ausgegeben haben, wir uns kurzzeitig voller feuereifer in dieser neuen Arbeitsumgebung fühlten, als arbeiteten wir alle an dem ‘next big thing’, kam eine Welle nach der anderen, die uns trotz dieser Kreativ-Oasen dazu brachten, lieber gemütlich in unseren 4 Wänden zu arbeiten. In den letzten zwei Jahren haben wir gelernt wie einfach es ist, ‘remote’ zu arbeiten. Von Collaborators sind wir so zu Experten für xyz in unseren eigenen Labs geworden. Unser Ideenreichtum bekam dadurch noch einen weiteren Booster, denn aus Langeweile und raschen, drastischen Veränderungen gepaart mit Knappheit entsteht was? Ja genau, Innovation. In unseren Boxershorts, Jogginghosen zwischen Cup Noodles und Reeses fühlten wir uns wie die Kids aus dem Silicon-Valley und starteten unter Umständen mit eigenen Ideen als Sidehustle. Zurück ins Office… Wofür?

The spirit and myths of a space far away

Als wir bei Axel Springer vor ein paar Jahren begannen, C-Levels über den Atlantik zu schicken, um den Geist des Silicon Valley erleben zu können war eines unserer Ziele, neben dem Ideenreichtum vor allem mehr über die offene und schlanke Zusammenarbeit von Teams zu lernen. Deutschland als Land der Erfinder, Denker und Dichter bietet hier ja bereits als kulturelles Erbe das beste Potential, über sich hinaus zu wachsen – doch weit gefehlt.

Die Zeiten der Venture Builder und ausgefallenen interaktiven Spielplätze mit der obligatorischen Küche in der Mitte, dem Kickertisch im Besprechungsraum oder dem kostenlosen Obst, Kaffee und Mittagessen für Mitarbeiter ist vorbei. Damit kriegen wir die Leute nicht mehr aus ihren gemütlichen Workstations. Damit verbunden verschwimmen die Linien zwischen Arbeit und Privatleben mehr und mehr und sorgen für eine drastische Dopplung, Ressourcen und Zeitverschwendung. Mit fehlender Kollaboration im Team wird jeder zu einem Experten und Tüftler frei nach dem Motto: “Bevor ich einen ‘call’ einstelle, versuche ich es selbst”. 

Das Resultat: wir werden mehr und mehr zu Generalisten, Kollaboration muss ein Stück weit neu erlernt werden. Ideen sind jetzt überall, insbesondere nach COVID. Die Zeit und die Langeweile brachten Kreativität. Die Zeiten in der Strategen in dunklen Anzügen oder Venture Builder in Flip-Flops und Hoodies für Ideen und Neuerungen standen sind längst vorbei. Wir haben gelernt, dass jeder Ideen umsetzen kann, daher schossen diese wie Pilze aus dem Boden. Die Zahl der Unternehmer und Gründer bzw. Innovation-Labs stieg rapide an, da sich die Gelegenheit bot, mit einer enormen Überholspur die Digitalisierung voranzutreiben. Neue Startups die aus den Krisen geboren sind, waren teilweise so disruptiv, dass wir über Nacht gezwungen waren, umzudenken. Ideen und Chaos waren während der Corona-Pandemie erstmal willkommen, schließlich war man ja froh, dass sich etwas bewegte. Die Politik befeuerte dies zusätzlich durch diverse Förderinitiativen, Subventionen und ähnliches. Mir nichts dir nichts fanden wir uns urplötzlich in einem Dschungel der Möglichkeiten wieder. Führungskräfte hatten neben all dem hoch- oder runterfahren von Kapazitäten, Entwicklung neuer ggf. angepasster Produkte und Rentabilitätsentscheidungen über Nacht Fragen wie: Wie fange ich das Chaos wieder ein? Wie wachse ich in einem sich vehement verändernden Markt? Wie erziele ich Wachstum bei sinkenden Kosten und halte dennoch die Kontrolle.

Die Deutsche Prozessverliebtheit

Einer meiner Silicon Valley Freunde stellte im Hinblick auf die deutsche Prozessverliebtheit und Akkuratheit fest: ‘You Germans are really amazing when it comes to processes. Even before the idea is fully laid out or as concrete to envision the product or service, they already have an NDA Process at hand to ‘secure’ the idea. Ideas are everywhere! How can an idea really evolve, when there is no continuous challenging, questioning and probing of the idea? – The Execution of it makes the difference.’ 

Durch den gewachsenen Boost an Ideen der in den vergangenen Jahren durch die vielen Disruptionen unserer Alltags unsere Fantasie beflügelte, kommt es nun zu einem regelrechten Ideenüberschuss. Und wer wäre dafür besser geeignet als wir Deutschen, einen Prozess zur Konsolidierung und Aggregierung von Ideen zu entwickeln? Mit Innovationen Geld verdienen, bei vollständiger Transparenz und Kostenkontrolle. Doch ist das überhaupt realistisch? Kann ich Kreativität einfangen und effizient kreativ sein, oder ist es dieser Überschuss, der genau das mit sich bringt: das ‘Next Big Thing’, um über sich hinauszuwachsen und genau aus dieser Ineffizienz zu wachsen?

Unsere ’German Angst’ führt uns dahin, dass wir in einem Land voller Erfinder und Ideenreichtum, zu schnell zu viele Barrieren schaffen und dadurch die Entwicklungspotenziale letztlich dramatische verringern.  

Das Land der Ideen

Ironisch, oder? Schauen wir zurück, steht Deutschland als das Land der Ideen, der Dichter, Denker und großen Gelehrten da. Deutschland hat bereits viele Krisen durchlaufen. Zwei Weltkriege fanden auf deutschen Boden statt und wir haben es quasi in unseren Wurzeln, von Grund auf neu zu denken und Innovation voranzutreiben. Das Deutsche Bauhaus mit seinem Grundsatz ‘form follows function’ ist nur ein Beispiel, wie mithilfe von Ressourcenknappheit, politischer Unsicherheit und grundlegenden technologischen Veränderungen neue Dinge hervorgebracht haben, die bis heute andauern. Wir leben im Land der Ideen und Plattformen und haben die Superhelden früher wie heute, die Geschichte schreiben und Haupttreiber für europäisches Wachstum sind. Und dennoch: wir suchen nach Best Practices und Rolemodels außerhalb von Europa, am anderen Ende der Welt. 

Um wirklich Innovation in unserem Unternehmen zu verankern und somit zu neuem Potential zu gelangen und zu wachsen bedarf es einen klaren Blick auf den Kern. Back to the Roots!

Paradigmenwechsel durch Web3 und Nachhaltigkeit 

Während wir in der Vergangenheit die Talente zu diesen neuen Hemisphären ‘erziehen’ konnten, wissen wir nun, dass wir uns als Führungskräfte der unbekannten Zukunft hingeben und uns mehr als alles andere auf die jeweiligen Talente und Superpower unserer Mitarbeiter vertrauen müssen. Unsere Mitarbeiter haben Potentiale für Innovation und Veränderung, die häufig nicht sichtbar sind, da unsere Strukturen diesen Freiraum nicht bieten. Die Superhelden dieses neuen Paradigmenwechsels sind Menschen, die leidenschaftlich sind und möglicherweise nicht in alle Kriterien einer Skillmatrix oder eines Jobprofil passen.

Wir haben Qualifikationsmatrizen und -Modelle entwickelt, die Menschen in dedizierte Schubladen pressen und nehmen so den Raum für die Personen, die verborgene Potentiale haben. Mit neuen Technologien, neuen Dienstleistungen und einer kundenorientierten Ausrichtung müssen wir dieses Modell überdenken. Bereits in dem Buch “Employees first, customers second”, erwähnte Vinet Nayaar, wie wichtig es für CEOs ist, Vertrauen in die Stärken ihrer Mitarbeiter zu legen und so Innovation im Kern durch die Mitarbeiter zu treiben. Wenn man sich die Erfolgsmuster der erfolgreichen Unternehmen und Vorzeige-CXOs genauer ansieht, dann stellt man fest, dass sie etwas gemeinsam haben. Die Antwort lautet: Sie sind Menschen mit Ecken und Kanten. Sie verstecken ihre Schwächen nicht, sondern nutzen ihre Superpower, um hervorstechen. Hier kommt es nicht auf einen geradlinigen Lebenslauf an oder die zündende Idee an, sondern vielmehr den Mitarbeitern Freiräume zu schaffen, um neue Ideen zu entwickeln.

Wie sieht unser Kern in einem Paradigmenwechsel durch Web3 und Sustainability aus?

Aus unserer Erfahrung der letzten 18 Monate und auch bereits davor sehen wir eine klare Entwicklung von Unternehmen weg vom “lucky shot” oder “moonshot”, hinzu einem neuen Verständnis wie Ideenreichtum in Unternehmen nicht zu Fortschritt sondern teilweise zu Stagnation führt. Wie schaffen wir es also zu wachsen und neue Potentiale zu erschließen, als Land? Als Unternehmen? Als Unternehmer? Was ist unser Nordstern auf den wir hinarbeiten? Wollen wir hinterherlaufen, adaptieren und nachahmen oder wollen wir Vorreiter sein? Wissen wir überhaupt noch wozu wir unser Geschäft betreiben oder sind wir auf Autopilot und sind zu sehr damit beschäftigt, dem Next Big Thing nachzueifern? Können wir sagen, das wir noch wissen was unsere ‘function’ ausmacht, das heißt sind wir uns selbst noch treu?

Mit dem Aufkommen des Unternehmertums und des Intrapreneurship verflüchtigte sich der qualifizierte Prozess, wie man von einer Idee zur Umsetzung kommt. Heute ist das Hauptelement, um auf dem Markt einen Unterschied zu machen. Es geht nicht nur um den Kampf der Talente, sondern darum, die richtigen Ideen, die richtigen Fähigkeiten und die richtige Art und Weise zu haben, um sie zu verwirklichen und zu monetarisieren. Entscheidend ist, dass man Innovationen und neue Modelle schnell umsetzt und vorantreibt, um damit auch Geld zu verdienen.

Die Folge ist, dass wir uns nicht mehr auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren sondern meinen, überall dabei sein zu müssen. Web3, Blockchain, XR, VR und all die Buzzwords des 21 Jahrhunderts. SciFi, wir kommen! Je mehr wir in diesem Film leben, desto mehr müssen wir uns wieder auf unseren eigentlichen Fokus besinnen. Denn die Fülle an Ideen ist nicht immer positiv und die größte Herausforderung für Unternehmen und CEOs besteht darin, herauszufinden, worauf man sich konzentrieren soll und wie man die Personen identifiziert, die diese Ideen gewinnbringend voran treiben. 

Die Superpower des einzelnen als Wachstumstreiber – the Builders

Wenn wir unsere Unternehmen zu einem Ort des Wachstums machen und jungen Intrapreneuren und Genies ermöglichen, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen, ihre Stärken entwickeln zu können und ihrem Instinkt zu folgen, werden wir unsere Innovationskraft von innen stärken und aus Venture Builder-Mentalität eine Builders Venture Mentalität kreieren, die die individuelle Superpower unserer Mitarbeiter sinnvoll nutzt.

220121 - Portrait - Danny Fiedler
Autorin

Danny Laker

Danny ist Senior Vice President Business Building B2C bei hy. Als Serien Unternehmerin und Gründerin von digitalen Plattform Diensten wie Mealmatch - Social Dining, NUX/M84U - the Bauhaus of Luxury und fashionXact hat sie beide Welten zwischen On- und Offline-Diensten verbunden. Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung als Unternehmerin, Beraterin von Führungskräften, als Coach bei DAX-Unternehmen und als treibende Kraft für digitale Innovationsstrategien in ihrer Rolle als  Industry Co-Lead für Telco und Media bei Accenture Digital weiß Danny, was es benötigt, um Visionen zum Leben zu erwecken. Als Keynote-Speakerin, Gastprofessorin an internationalen Universitäten und Redakteurin ist sie als Vordenkerin und Visionärin auf internationalen Plattformen für die Zukunft von Mobilität, Stadtleben, Lifestyle und Mode vertreten. Ihre internationalen Projekte hat sie mit Partnern in Asien, dem Silicon Valley, D.C. und quer durch Europa ausgeführt.