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WeWork über Alles

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2019 sollte das Jahr von Adam Neumann werden. Er wollte den Grundstein für einen Unternehmenswert von 10 Billionen US-Dollar im Jahr 2028 legen, was ihn zum ersten Billionär der Welt machen sollte. Damit könnte er endlich damit beginnen, WeWork auf den Mars zu bringen und ewig zu leben. So lautete zumindest sein Plan.

Er war auf dem besten Weg, mehr als das zu erreichen. Im Frühjahr sammelte WeWork mit der Hilfe von Masayoshi Son von SoftBank Group Corp. 6 Mrd. US-Dollar ein. Zugegeben, nicht ohne Grund: Immerhin bewirtschaftete WeWork im Frühjahr 2019 mehr als 400 Standorte in 27 Länder. Zudem war Wachstum WeWork heilig: Man gab zur Steigerung des Umsatzwachstums für jeden Dollar zwei aus. Ein Schelm, wer dabei böses denkt, denn genau dieses Mindset zeichnete damals wie heute den so oft beschworenen unternehmerischen Geist aus. 

Das Negativgeschäft war jedenfalls für Neumann kein Problem. Er war der geborene Big Money Fundraiser. Bodenlose Kassen gehörten zu seinem Geschäft. Das wusste er sowie seine Finanziers. Er war überzeugt, dass er mit seinem “technologiebasierten, physischen sozialen We Netzwerk” die Welt verändern würde. Das Verrückte in der Nachbetrachtung: Alle glaubten ihm. Niemand kümmerte sich darum, dass das Geschäftsmodell eher klassischen Immobilienmodellen entsprach und dass die Verluste schneller wuchsen als die Einnahmen. Sein Feenstaub lullte ein. Auch wir haben damals mehr mit Bewunderung auf WeWork geschaut, als dass wir das Modell irgendwie kritisch hinterfragt hätten. Risikokapitalgeber und Investmentbanker berauschten sich an der globalen Expansion und wetteten darauf, dass immer mehr Geld reinkommen würde, um ihr eigenes Risiko abzuladen. Euphorie siegte über Skepsis. Kasinokapitalismus in Perfektion.

Dann geschah jedoch etwas im “The We Company” Universum. Die Visionen wurden immer größer. Teilweise drifteten sie ins Wahnhafte ab. Und so kam es, dass die private Mana Quelle versiegte. Der SoftBank Money Train geriet ins Stocken. Auf Masa wurde Druck gemacht. Lange würde man dem Geldverbrennen nicht mehr zusehen. Also traf Masa die Entscheidung, Adam Neumann nicht mehr blind zu unterstützen. Was durchaus ein Problem für Neumann war. Das Geld entrann in ihn Strömen. Um neues Geld nachzulegen, traf man die Entscheidung an die Börse zu gehen.

In der Nachbetrachtung sicherlich ein fataler Fehler. Als man die S-1-Papiere einreichte, zerbrach Neumanns breitangelegter Manipulationszauber. Es dauerte ein paar Tage, doch dann stürzten die eigentlich positiv-gestimmten Medien sich auf die hohen Verluste. Auch Analysten äußerten laute Zweifel an der künftigen Rentabilität. Aus Angst vor einer niedrigen Bewertung verschob man den Börsengang auf Ende 2019. Zudem hatte das Board von WeWork entschieden, dass Adam Neumann eine Belastung ist. Unter anderem auch, weil er einen Firmenjet für private Reise anschaffte und persönlich Anteile für 700 Mio. US-Dollar liquidierte. Rechtlich in Ordnung, aber moralisch kein Ruhmesblatt. Auf dringenden Rat des Beirates trat Neumann Ende September zurück.

Stoppen konnte das den tragischen Niedergang jedoch nicht. Im Frühjahr 2019 war WeWork noch 47 Mrd. US-Dollar wert. Zum Börsenstart erwartete Goldman Sachs sogar eine Börsenbewertung zw. 61 und 96 Mrd. US-Dollar. Ende September waren es dann nur noch lappige 10 Mrd. US-Dollar.

Die WeWork Blase platzte. Ein Jahrzehnt lang regierte Neumann nach Belieben. Er hatte geschickt mit der Realitätswahrnehmung der Welt gespielt und damit seinen Wert in die Höhe getrieben. Es spielte keine Rolle, dass er einen exzentrischen Lebensstil führte oder dass WeWork kein Geld verdiente. Neumann überzeugte uns Alle, dass WeWork einen Wert hatte. Die mickrige Bewertung Ende September setzte dem aber ein harsches Ende.

 

Die Implosion von The We Company 2019 hatte Auswirkungen weit über die Büros von WeWork hinaus

WeWorks Implosion zeigte Wirkung. Die Tage großer Verheißungen von Umsatzwachstum waren vorbei. Plötzlich war Profitabilität der Szene wieder wichtig. Und selbst die Medien, die zuvor nur mit den Startups kuschelten, beäugten schnell wachsende “weltverändernde” B2C-Marken mit mehr Skepsis.

Während früher Uber (Ridehailing, 28 Mrd. USD Risikokapital Ende 2019), sweetgreen (Salate, 515M USD), Compass (Immobilien, 1,61 Mrd. USD), WAG (Gassi-App, 361M USD) oder Casper (Matratzen, 355M USD) dafür gefeiert wurden, dass sie Risikokapital direkt in Umsatzwachstum wandelten und Kunden mit Waren unter dem Selbstkostenpreis erfreuten, so galt diese Umverteilung 2020 als naiv. Kundenzentrierte Bequemlichkeit schien nicht mehr der Weisheit letzter Schluss zu sein.

Alles erinnerte an die DotCom Zeit, in der Pure Play Internet Startups wie eToys, Webvan oder pets.com kometenhaft aufstiegen und genauso schnell fielen. “Get big fast (via marketing)” lautete damals die Devise. So versuchte pets.com zB durch Super Bowl Werbung und einen eigenen Balloon auf der Macy Thanksgiving Parade auf sich aufmerksam zu machen. Das Ende ist bekannt. Das Geschäftsmodell war nicht tragfähig. In den ersten neun Monaten des Jahres 2000 verlor man 147M USD. Niemand wollte mehr investieren. Auch ein Börsengang half nicht. Im November 2000 wurde das Unternehmen liquidiert.

Wie wir alle wissen, reimt sich die Geschichte. Der WeWork Bust führte dazu, dass den Einzelhandel disruptierende Ride-Hailing Anbieter, Last-Mile Scooter-Unternehmen und technologiegetriebene Matratzen-Startups ihre Ambitionen massiv zurückdrehen mussten. Sie waren nur noch ihr Produkt und keine weltverändernde Technologieplattform mehr. Der Einhornzauber war verflogen.

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Zume

Und so begann eine Zeit der Reinigung, die besonders für SoftBank Group Corp. einer bitteren Pille gleichkam. Man wollte Plattformstartups groß machen, um Monopolrenten zu erzielen. Doch WeWorks Fall zog viele im Portfolio mit runter. Mein Liebling darunter: Zume Inc., die mit ihrer Robot-made Pizza Delivery Operations die Welt verändern wollten. Fast eine halbe Milliarde US-Dollar hatte das Unternehmen eingesammelt. Für Robo-Pizza Auslieferungen! Hätten sie es nur bis zur Pandemiezeit geschafft, würden sie sicher noch heute Pizza ausliefern. Viele weitere SoftBank Startups mussten große Teile der Belegschaft entlassen. In Zahlen ausgedrückt: Der Vision Fund erlebte einen Verlust von 18 Mrd. USD!

Zurück auf Start: VCs halten sich zurück, die Börse feiert Startups

2020 war kein gutes Jahr für Masayoshi Son. Er stolperte mit seiner Einhornherde geradewegs in das, was er später “Valley of Coronavirus” nennen sollte.

Doch wenn es um Geld geht, so ein altes Motto, wird selten zurückhaltend gespielt. 2020 geschah etwas, das Wirtschaftshistoriker noch lange Zeit beschäftigen wird. Trotz Valley of Coronavirus, unzähliger Pleiten und schmerzhaften Erinnerungen an geldverbrennende Startups feierte die Börse plötzlich Unternehmer:innen und ihre großspurigen Versprechen. Als hätte es WeWork nie gegeben.

Elon Musk und Tesla sind sicherlich das beste Beispiel für die narrativ getriebenen Aktienwertsteigerungen unserer Zeit. Aber auch Trevor Milton und Nikola (Elektro-LKWs) passen ins Bild. Nikola war beim Börsengang im Juni 2020 keine sechs Jahre alt. Und obwohl Nikola noch keine E-Lastwagen produzierte, begeisterte Milton, Gründer und CEO, mit seinen sprudelnden Visionen die Anleger. Getrieben vom damaligen E-Mobility-Fieber stürzte sich die Wall Street inklusive blutjunger Robinhood-Aktienanfänger in den E-Fahrzeug IPO Wahnsinn. Und Milton? Der liquidierte fast 100 Millionen US-Dollar an Anteilen, kaufte einen Privatjet, ein Jetski Unternehmen und andere teure Dinge. Adam Neumann reloaded. Auch weil zu der Zeit Shortseller Milton vorwarfen, falsche Behauptungen aufgestellt und Prototyp-Videos gefälscht zu haben. Wohl zu recht. Milton räumte infolgedessen seinen Posten und steht heute u.a. deswegen vor Gericht.

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Growth, growth, growth

Im Jahr 2020 waren Startups an der Börse begehrt. Der WeWork Winter schien vergessen. Neben dem SPAC-getriebenen (dazu später mehr) Electric Vehicle Wahn, legten DoorDash (56 Mrd. US-Dollar) und Airbnb (90 Mrd. US Dollar) fulminante Börsengänge aufs Parkett und erfreuten sich außerordentlicher Bewertungen. Airbnbs schwang sich mit der Bewertung zu einem wertvollerem Unternehmen auf, als Hilton, Marriott und Hyatt zusammen. Und der Börsengang von DoorDash wurde zu einem Glücksfall für SoftBank. Deren Beteiligung war beim Börsengang etwa 10 Milliarden Dollar wert.

Damit hatte sich das Blatt gewendet. Risikokapitalgeber agierten nun konservativer als die Aktienmärkte, wo große Visionen und Versprechungen die Anleger berauschten. Endlich kauften die Aktienmärkte, was das Valley seit den Nullerjahren verkaufen wollte: Große Ambitionen und wachstumorientierte Unternehmen.

Einhörner an der Börse

Bevor wir mit der Gegenwart weitermachen, lasst uns nochmal 40 Jahre zurückspulen: Vor den Nullerjahren gingen Unternehmen häufig nur mit Gewinnen an die Börse. Nicht die schlechteste Regel. Schließlich sind Gewinne ein Indikator für wirtschaftliches & technologisches Wachstum. Sie zeigen, dass Unternehmen mehr Wert schaffen, als sie zum Überleben brauchen.

20 weiter in die Zukunft: Als die Internetunternehmen, die heute unsere Wirtschaft dominieren, an die Börse gingen, waren sie nicht alle profitabel. Doch sie wurden es relativ schnell. Google brauchte fünf Jahre, Facebook sechs, Amazon ganze zehn, Apple vier und Microsoft nur ein Jahr. Weitaus länger dauerte es, bis sie in die Liste der Top 100 nach Marktkapitalisierung aufgenommen wurden — eine kleine Erinnerung daran, dass Apple und Amazon zwar immer viel richtig gemacht haben, der Aktienmarkt dies aber erst nach 28 bzw. 16 Jahren belohnte.

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Die Vorhersagekraft der Simpsons ist legendär

Zurück ins Hier und Jetzt: Ein Blick auf die Zahlen gegenwärtiger Internetstars aka Unicorns zeigt, dass sie nicht ansatzweise mit dieser Leistung mithalten können. Jay Ritter, Professor an der University of Florida, hat sich die Tech-Börsengänge in 2020 genauer angeschaut. Seine nüchterne Erkenntnis: Nur 16% erzielten zur Zeit des IPOs Gewinne. Der Technologie- & Wirtschaftshistoriker Jeffrey Funk hat sich Einhornprofite & -verluste zur Brust genommen: 51 von 76 börsennotierten Einhörnern verzeichnen mehr als 500 Mio. USD an kumulativen Verlusten, davon 27 mehr als 1 Mrd. USD und 17 mehr als 1,5 Mrd. USD.

Die Verluste von Airbnb summieren sich auf 7 Mrd. USD, die von WeWork auf 10 Mrd. USD. Grabs Schulden, immerhin das größte Startup in Südostasien und SoftBank Liebling, belaufen sich Ende Q2/21 auf 11,5 Mrd. USD (ein #SPAC steht in den Startlöchern). Branchenprimus ist Uber mit 23 Mrd. USD an kumulativen Verlusten. Da helfen selbst aktuelle “bereinigten EBITDA” Gewinnzahlen nichts, die ein ausgeglichenes Ergebnis und operativen Gewinn fürs Quartal ausweisen – Uber braucht 1300 Wörter, um zu beschreiben, wie sie Gewinne machen. Die Zahlen sind genauso kreativ gebogen wie das von WeWork eingeführte “Community-bereinigte EBITDA”, welches zwischenzeitlich den Weg in die Profitabilität zeichnen sollte.

Insgesamt belaufen sich die Verluste der Börsen-Einhörner auf über 100 Mrd. USD. Über die Höhe der Verluste privater Einhörner (CBInsights zählt 800+, pro Tag entstehen 2 Einhörner, der Einhorn Status wird für Growth Capital zum neuen IPO im Risikokapitalismus) lässt sich zwar nur spekulieren. Aber geht davon aus, dass es mehr als 100 Milliarden USD sind.

Wollen wir das alles, wenn wir mehr Einhörner fordern? Mir scheint es, als hätte man kollektiv vergessen, dass eine solide funktionierende Fiktion niemals ein solide funktionierendes Unternehmen ersetzen kann.

2021 ist nicht alles gold, was glänzt

Jeffrey Funk konnte mit seiner Analyse auch zeigen, dass die Hälfte aller börsennotierten Unicorns Verluste von mehr als 20% des Umsatzes aufweist. Ein Viertel 40% plus und Airbnb sogar über 100%. Das sollte Auswirkungen haben, mag man meinen? Nun, Snap Inc. wird mit 113 Mrd. USD, Airbnb mit 100 Mrd. USD, Uber mit 75 Mrd. USD und Palantir Technologies mit 51 Mrd. USD bewertet. Und das, obwohl alle auf dem Weg sind, ihre bestehenden Verluste um mind. 1 Mrd. USD zu erhöhen.

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Beitrag WeWork meme Elon musk

Zudem sind es nicht nur die Großen: Die Gebrauchtwagenplattform Carvana ist an der Börse mehr wert als Volvo Group, Honda oder Ferrari. Beyond Meat, hergestellt aus Erbsenprotein, ist mehr wert als der Weltmarkt für Erbsen. Coinbase steht über der Nasdaq. Und wenn man jetzt noch an Meme-Aktien (GameStop, Virgin Galactic, AMC Entertainment Inc.) denkt, liegt der Schluss nahe, dass die Börse freidreht.

Selbst mittelmäßige Einhörner reiten plötzlich über den Regenbogen zu den Sternen (außer Quibi #RIP). Denn mit SPACs wurde ein Finanzvehikel aus der Mottenkiste geholt, mit dem Startups unbürokratisch an die Börse kommen. Der EV-IPO Wahn 2020 war für SPACs die Nagelprobe, seitdem geht es vorwärts: 2020 sammelten US-based SPACs 80 Mrd. USD ein. 2021 YTD sind es schon 130 Mrd. USD, in Europa sind es stolze 5,5 Mrd. EUR.

Ein Vorteil von SPACs: Sie ermöglichen phantasievolle Equity Stories. Die Vermarktung von Geschäftsmodellen und Zukunftspotenzialen gehört zur SPAC-Balz. Und schwuppdiwupp befinden sich durch die Zugabe von Elfenstaub plötzlich umsatzlose (!) Unternehmen an der Börse. Das Spiel lohnt sich natürlich auch für Investoren. Sie erhalten über SPACs die Möglichkeit, sich an angesagten Firmen zu beteiligen, bevor diese an die Börse gehen. So etwas ist normalerweise nur den 1% vorbehalten, weswegen SPACs auch als “The poor man’s Private Equity Funds” gelten. 

Gefragt ist, was angesagt ist: EV, Cannabis, Space, E-Gaming und so weiter. Sogar Donald Trump hat einen SPAC. Hype trumpft Substanz. Und dank SPACs erleben auch untergegangene Sterne einen zweiten Sommer. Darunter auch WeWork. Im Oktober 2021 ging man eine 9 Milliarden Dollar schwere Fusion mit dem Blankoscheck-Unternehmen BowX Acquisition ein – übrigens von Shaquille O’Neal beraten – und läuft fortan unter $WE an der New York Stock Exchange. Adam Neumann, immerhin immer noch 2 Milliarden USD schwer – feierte dies wie in den guten alten Zeiten mit einer alkoholgeschwängerten Party im Standard Hotel in New York City.

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Tech Bro for life

Doch es ist nicht nur die Börse, die mit Geld um sich schmeißt. Auch die Risikokapitalbranche hat sich vom 2019er WeWork Schock erholt. In Q1/21 wurde bereits weltweit #Risikokapital bereitgestellt, das 70% des Vorjahres entsprach. Mit dem Resultat, dass in Q2/21 mehr Einhörner gegründet worden sind, als im Vorjahr. Es geht voran.

Und wer partizipiert davon? Klar, SoftBank. Dank Blockbuster-IPOs & einem bulligen Tech-Aktienmarkt reitet Masa Son mit seinen Einhörnern langsam aber stetig in die Profitabilität. Selbst KATERRAs milliardenschwerer Untergang scheint verschmerzbar. Solange Anleger bereit sind, verlustreiche Unternehmen in der Hoffnung auf zukünftige Erträge zu finanzieren, geht das Modell auf. 

Mögen Sie in prickelnden Zeiten voller Blasen leben

Die Frage, die bleibt, ist: Wird WeWork jemals Geld verdienen? Auch wenn die Aktien am Eröffnungstag gestiegen sind, im November 2021 verzeichnet WeWork eine Marktkapitalisierung von 7,52 Mrd. USD. Der erste Quartalsbericht liest sich ähnlich prickelnd. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2021 erzielte WeWork einen Unternehmensumsatz in Höhe von 661,03 Mio. USD. Ein Minus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das operative Ergebnis betrug im gleichen Zeitraum minus 640,05 Mio. USD. Immerhin konnte man das zum Vorjahr mit minus 1,03 Mrd. USD verbessern. Das Nettoergebnis beläuft sich auf minus 844,26 Mio. USD und der operative Cash Flow lag im dritten Quartal 2021 bei minus 380 Mio. USD.

WeWork’s größtes Problem bleiben die hohen Verluste. Bereits im Juni 2019 beliefen sie sich auf 4 Mrd. USD, was letztlich zur Absage des Börsenganges führte. Schätzungen zufolge belaufen sie sich heute auf 12,8 Milliarden USD. Ein weiteres Problem ist, dass WeWork nie ein Technologieunternehmen war. WeWork hat Grenzkosten. Deswegen wird eine Plattform-ähnliche Skalierung erstmal ausfallen. Man wird sich daher immer die Frage stellen müssen, wie WeWork weiterhin genügend Investoren und Gelder anziehen kann.

All das schreibend, frage ich mich daher, warum wir immer wieder auf Luftschlossverkäufer hereinfallen. Es galt mal das ungeschriebene Gesetz, dass Unternehmen nur dann an die Börse durften, wenn sie Gewinne erzielten. Schließlich sind Gewinne ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen mehr Wert schafft, als es zum Überleben braucht. Doch heute scheint einzig und allein die Wette zu zählen, dass irgendwer nach uns die Wette zu einem höheren Preis übernimmt.

Ein weiteres Problem scheint das Belohnungssystem des Startup Ökosystems zu sein. Ob nun Adam Neumann, Trevor Milton oder die kürzlich wieder aufgetauchte Elizabeth Holmes, sie alle sind das extreme Ergebnis eines Systems, das Menschen mit den größten und ausgefallensten Ideen belohnt, selbst wenn diese Ideen aufgebauscht und inhaltsleer sind. Sie wurden dafür belohnt, dass sie eine Vision voller zahlender zukünftiger Nutzer ausmalen, ohne auch nur einmal zeigen zu müssen, dass sie ihre Version der Zukunft auch umsetzen können. 

Das vergangene Jahrzehnt war geprägt von Visionären, die Helmut Schmidt zum Arzt geschickt hätte und Investoren, die mit Geld-Bazookas auf sich ändernde Verbrauchergewohnheiten gewettet haben. Rückblickend durchaus hässlich. Und natürlich gibt es auch viele gute und optimistische Dinge zu berichten. Im Moment bin ich jedoch sehr pessimistisch.

Die Technologiebranche hinterlässt uns kapitalistische Zombie-Unternehmen. Viele davon haben ungesunde Verbrauchererwartungen geweckt und Berge von Geld in Brand gesetzt. Viele haben unhaltbar billige Dienstleistungen angeboten oder ihre Services mit Werbung überfrachtet. Das konnte einfach nicht von Dauer sein und wird auch nicht mehr lange gut gehen. 

Wir sollten uns daher fragen, was wir für Lehren aus den letzten Jahren ziehen. Besonders weil sich viele Fehler der letzten Jahre gerade wiederholen. Nur potenziert: An der Börse sind Elektroautounternehmen, die kaum Autos produziert haben, plötzlich mehr wert, als VW und viele andere Autohersteller. Und auch der Hype rund um NFTs und Quickcommerce will nicht abebben. 

Eigentlich bin ich ein Optimist, wenn es um Technologien und unser Leben geht. Im Moment tue ich mich aber sehr schwer damit. WeWork sei dank.

Autor

René Schäfer

René Schäfer ist Engagement Manager bei hy unterstützt unsere Kunden dabei Treiber von Veränderungen und Umbrüchen zu verstehen, zu analysieren und Ableitungen für das eigene Umfeld zu treffen. Er beschäftigt sich mit den Grundlagen der Internetökonomie, plattformbasierten Geschäftsmodellen und den Auswirkungen von Zukunftstechnologien. Zuvor gründete er Hypermorgen, eine Beratungsfirma für strategische Vorausschau, die Kunden mit empirischen Recherchen, Modellanalysen und Kommunikationsstrategien zu langfristigen Zukunftsfragen versorgt. René studierte Geschichte und Philosophie der Wissenschaft und Technik sowie Zukunftsforschung in Frankfurt am Main und Berlin.