Verteidigungsindustrie: Warum die Zeitenwende kein Rüstungsthema, sondern ein Industriethema ist.

Wenn heute über Verteidigung gesprochen wird, denken die meisten an Panzer, Raketen und die großen Rüstungskonzerne. Das ist ein teures Missverständnis. Denn die eigentliche Verschiebung findet nicht bei den Rüstungskonzernen statt, sondern in der Breite der industriellen Wertschöpfung. Ein modernes Verteidigungssystem ist heute weniger ein Stück Stahl als ein Zusammenspiel aus Sensorik, Software, Materialien, Elektronik und präziser Serienfertigung. Diese Fähigkeiten liegen nicht exklusiv bei den Rüstungskonzernen. Sie liegen bei Automobilzulieferern, Maschinenbauern, Elektronikfertigern, Werkstoffspezialisten.

Die Verteidigung von morgen wird zu einem erheblichen Teil von Unternehmen bestückt, die sich heute noch nicht als Teil dieses Marktes verstehen: Verteidigungsindustrie als Wachstumschance.

Warum die Grenzen des Sektors sich auflösen

Über Jahrzehnte war der Verteidigungssektor ein geschlossener Kreis mit festen Zulieferern, langen Zyklen und klaren Grenzen. Diese Grenzen lösen sich auf. Der Bedarf ist zu groß, zu schnell und zu technologiegetrieben geworden, um ihn im alten, engen Kreis zu decken. Wer heute zivile Spitzentechnologie beherrscht, ist technologisch anschlussfähig, oft ohne es zu wissen.

Für die deutsche Industrie ergibt sich daraus eine strategische Frage. Sie lautet, ob man einen Markt ignoriert, der gerade neu verteilt wird, und in dem die eigenen Fähigkeiten plötzlich einen Wert haben, den sie in den angestammten zivilen Märkten so nicht mehr erzielen. Wer diese Frage nicht stellt, überlässt die Antwort dem Wettbewerb.

Die eigentliche Aufgabe ist Übersetzung, nicht Neuerfindung

An dieser Stelle entsteht die zweite, größere Fehlannahme. Viele Unternehmen glauben, der Eintritt in diesen Markt verlange etwas Neues: eine eigene Technologie, ein eigenes Produkt, eine eigene Sparte. Diese Annahme schreckt ab, bevor der erste Gedanke gefasst ist. Sie ist falsch. Der Eintritt verlangt in den seltensten Fällen eine Neuerfindung. Er verlangt eine Übersetzung.

Übersetzung heißt, eine vorhandene Fähigkeit in einen neuen Kontext zu überführen. Das Unternehmen ändert sich dabei nicht, wohl aber der Blick auf das, was es ohnehin kann. Ein Zulieferer, der jahrzehntelang zivile Präzisionskomponenten in gesicherter Qualität und hoher Stückzahl gefertigt hat, muss keine Waffe entwickeln. Seine Fertigungsdisziplin ist im Verteidigungsmarkt selten und gefragt.

Was fehlt, ist nicht die Fähigkeit, sondern der Gedanke, sie in einem anderen Kontext zu lesen.

Eine Frage für die Vorstandsebene

Damit verschiebt sich die Zuständigkeit im Unternehmen. Verteidigung ist keine Frage für eine Randabteilung mehr, sondern eine der Unternehmensstrategie. Denn es geht um eine grundlegende Entscheidung: Positioniert sich das Unternehmen in einem wachsenden Markt, in dem seine Fähigkeiten einen neuen Wert haben, oder überlässt es dieses Feld anderen.

Die veränderte Sicherheitslage hat eine wirtschaftliche Reaktion ausgelöst, die weit über die Verteidigungspolitik hinausreicht. Sie ordnet gerade die Landkarte der industriellen Wertschöpfung neu. Wer das als reines Rüstungsthema abtut, verkennt die Tragweite. Es ist ein Industriethema, und es betrifft mehr Unternehmen, als heute ahnen, dass sie gemeint sind. Die gute Nachricht für sie lautet: Der Schlüssel liegt in dem, was sie längst können, und verlangt keine Neuerfindung.

Welche Industrien diese Neuordnung erfasst und was sie dort verändert, zeigt unser ausführlicher Report, der am 10. September veröffentlicht wird. Anmeldungen sind hier möglich.

220128 - Portrait - Christian Geiss
Autor

Christian Geiss

Als Senior Vice President bei hy unterstützt Christian unsere Geschäftskunden bei der Entwicklung, Validierung und Kommerzialisierung disruptiver Geschäftsmodelle. Bevor er zu hy kam, war er Director Global Business Innovation bei Mercedes-Benz. In dieser Position erfand er „Mercedes.me“, Benchmark für die direkte und digitale Kundeninteraktion, sowie  „CarMesh“, eine Technologie für  KI-basierten Datenaustausch für Fahrzeuge. Als Mitbegründer und CMO von „Car2Go“ qualifizierte sich Christian für Fast-Track-Programme bei Daimler. Vor seiner Karriere bei Daimler gründete er Deutschlands erste Online-Vertriebsplattform zur Wiedervermarktung von Flotten- und Firmenwagen. Christian hat einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre der Universität zu Köln mit den Schwerpunkten Marketing und Informationstechnologie.