Verteidigungsrelevanz zeigt sich nicht am Produkt.

Mitarbeiter in einer Fertigungshalle prüft ein großformatiges Werkstück, Symbolbild für Qualitätskontrolle und Verteidigungsrelevanz in der Industrie

Verteidigungsrelevanz zeigt sich selten am Endprodukt. Ein Unternehmen, das keine Waffen baut, kann für diesen Markt hochrelevant sein, und eines mit einem vermeintlich passenden Produkt kann ihn verfehlen. Entscheidend ist nicht, was ein Unternehmen herstellt, sondern welche Fähigkeit darunter liegt, und ob diese Fähigkeit im Verteidigungskontext knapp und gefragt ist. Die richtige Frage lautet deshalb nicht, ob man etwas Militärisches produziert, sondern ob man etwas beherrscht, das militärisch gebraucht wird.

Nicht das Produkt entscheidet über die Anschlussfähigkeit, sondern die Fähigkeit, die darunter liegt.

Fünf Ansatzpunkte für die eigene Prüfung

In der Praxis lohnt es sich, das eigene Unternehmen entlang einiger konkreter Fragen zu durchleuchten. Fünf Ansatzpunkte haben sich als besonders aufschlussreich erwiesen.

Erstens, die Fertigungsfähigkeit. Kann das Unternehmen große Mengen in gesicherter, dokumentierter Qualität herstellen? Verlässliche Serienfertigung mit lückenloser Rückverfolgbarkeit ist im Verteidigungsmarkt knapp, gerade wenn die Nachfrage schnell steigt.

Zweitens, die Materialien und Verfahren. Beherrscht das Unternehmen Werkstoffe, Legierungen oder Prozesse, die besondere Belastungen aushalten? Kompetenzen für zivile Extrembedingungen sind oft direkt auf militärische Anforderungen übertragbar.

Drittens, die Technologiefelder. Arbeitet das Unternehmen in Sensorik, Bildverarbeitung, autonomer Steuerung, sicherer Software oder Energiespeicherung? Das sind die zivilen Felder, aus denen heute militärische Innovation gespeist wird.

Viertens, die Systemkompetenz. Kann das Unternehmen komplexe Komponenten integrieren, warten und über lange Zeiträume betreuen? Der Verteidigungsmarkt denkt in Lebenszyklen von Jahrzehnten, nicht in einzelnen Produktverkäufen.

Fünftens, die unterstützenden Fähigkeiten. Beherrscht das Unternehmen Beschaffung, Logistik oder Qualitätsprüfung auf hohem Niveau? Diese Kompetenzen stehen scheinbar am Rand der Wertschöpfung, sind aber für jedes ernsthafte Verteidigungsvorhaben unverzichtbar. Gerade im sicherheitskritischen Umfeld werden lückenlose Lieferketten, belastbare Prüfprozesse und dokumentierte Nachweisführung oft höher bewertet als das Produkt selbst.

Wer bei einer dieser Fragen mit Ja antwortet, hat einen realistischen Anknüpfungspunkt. Wer bei mehreren mit Ja antwortet, sollte die Prüfung nicht länger aufschieben.

Ein einfacher Selbsttest: gedanklich weglassen

Es gibt eine aufschlussreiche Methode, die eigenen Stärken von austauschbaren Prozessschritten zu trennen. Sie besteht darin, einzelne Leistungsbausteine gedanklich zu streichen und zu fragen: Was würde das Unternehmen tun, wenn es einen bestimmten Prozessschritt nicht mehr ausführen könnte? Müsste es schließen, oder ließe sich mit den verbleibenden Fähigkeiten etwas anderes aufbauen?

Diese Frage legt offen, wo die echte Substanz sitzt. Fällt bei einem gestrichenen Schritt das ganze Geschäft zusammen, war dort eine kritische Abhängigkeit, keine eigene Stärke. Lässt sich dagegen mit den verbleibenden Fähigkeiten etwas Neues denken, dann liegt genau dort eine übertragbare Kernkompetenz, eine, die auch in einem anderen Markt trägt. Der Gedanke schärft den Blick dafür, was ein Unternehmen wirklich beherrscht, und trennt es von dem, was es nur gewohnheitsmäßig tut.

Wer diesen Test ehrlich durchführt, findet die Fähigkeiten, die sich in einen neuen Markt übertragen lassen, oft dort, wo er sie am wenigsten vermutet.

Einen strukturierten Rahmen, um die eigene Anschlussfähigkeit zu prüfen, bietet unser ausführlicher Report, der am 10. September veröffentlicht wird. Anmeldungen sind hier möglich.
220128 - Portrait - Christian Geiss
Autor

Christian Geiss

Als Senior Vice President bei hy unterstützt Christian unsere Geschäftskunden bei der Entwicklung, Validierung und Kommerzialisierung disruptiver Geschäftsmodelle. Bevor er zu hy kam, war er Director Global Business Innovation bei Mercedes-Benz. In dieser Position erfand er „Mercedes.me“, Benchmark für die direkte und digitale Kundeninteraktion, sowie  „CarMesh“, eine Technologie für  KI-basierten Datenaustausch für Fahrzeuge. Als Mitbegründer und CMO von „Car2Go“ qualifizierte sich Christian für Fast-Track-Programme bei Daimler. Vor seiner Karriere bei Daimler gründete er Deutschlands erste Online-Vertriebsplattform zur Wiedervermarktung von Flotten- und Firmenwagen. Christian hat einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre der Universität zu Köln mit den Schwerpunkten Marketing und Informationstechnologie.