Defence ist das neue ESG.

Führungsteam diskutiert Kennzahlen im Meeting, Sinnbild für Defence ESG und veränderte Investorenentscheidungen

Wer in den letzten fünfzehn Jahren ein Industrieunternehmen geführt hat, kennt die Bewegung. Ein Thema taucht am Rand auf, wird belächelt, dann geduldet, dann zur Pflicht. So verlief der Weg von ESG, dem Dreiklang aus Umwelt, Sozialem und guter Unternehmensführung, an dem sich messen lassen musste, wer Kapital, Aufträge und gesellschaftliche Akzeptanz wollte. Erst kam ESG als Haltung, dann als Reportingpflicht, schließlich als Bedingung für die Finanzierung. Und genau so verläuft gerade der Weg von Defence.

Die Analogie ist unbequem, denn ESG ist für viele kein Wort des Aufbruchs, sondern der Belastung. Aber genau deshalb trägt der Vergleich. Es geht nicht darum, ob ein Thema angenehm ist. Es geht darum, ob man an ihm vorbeikommt.

ESG wurde nicht groß, weil es attraktiv war, sondern weil es zur Bedingung wurde. Verteidigung nimmt gerade denselben Weg.

Was die beiden Bewegungen verbindet

Drei Muster wiederholen sich. Erstens, beide Themen sind politisch getrieben und kapitalgetrieben zugleich. Sie entstehen nicht aus Konsumentennachfrage, sondern aus einer politischen Grundentscheidung, die dann den Kapitalfluss umlenkt. Zweitens, beide belohnen den frühen Einsteiger und bestrafen den späten doppelt, durch höhere Eintrittskosten und durch verfestigte Strukturen, die sich später nicht mehr aufbrechen lassen. Und drittens, beide beginnen als freiwillige Haltung und enden als Bedingung.

Wer diese Muster bei ESG erlebt hat, hat ein mentales Modell für das, was jetzt bei Defence geschieht. Das Thema wandert gerade von der Kür in die Pflicht.

Die Umkehrung, die alles verändert

Es gibt eine Wendung in dieser Analogie, die tiefer reicht als jede Parallele. In der Hochphase von ESG wurde Kapital aus der Verteidigung aktiv herausgedrängt. Rüstung galt als nicht nachhaltig, viele Fonds und Banken schlossen den Sektor pauschal aus, Verteidigungsunternehmen hatten Mühe, Finanzierung und Investoren zu finden. Verteidigung war das, was ESG ausschloss.

Diese Logik kehrt sich gerade um, und zwar sichtbar. Seit der sicherheitspolitischen Zeitenwende denken Investoren, Banken und ESG-Verantwortliche um. Was bis vor wenigen Jahren undenkbar schien, wird zunehmend Realität: Rüstungsunternehmen gelten immer häufiger als ESG-konform. Die Begründung dafür ist bemerkenswert, denn sie kommt aus demselben Denken, das Verteidigung einst ausschloss. Sicherheit wird heute als Grundvoraussetzung einer stabilen Gesellschaft verstanden, und Verteidigung als Beitrag zum Erhalt demokratischer Systeme.

Dasselbe Nachhaltigkeitsdenken, das Verteidigung einst ausschloss, schließt sie heute ein.

Damit verschiebt sich die Grundlage. Sicherheit wird als Voraussetzung von allem anderen verstanden, auch von Nachhaltigkeit. Ohne Sicherheit keine funktionierende Gesellschaft, keine Transformation, keine Zukunft. Sicherheit wird damit nicht zum Gegenteil verantwortlichen Wirtschaftens, sondern zu einem seiner Kriterien.

Das ist die eigentliche Nachricht für die Industrie. Verteidigung ist nicht länger das Thema, das man aus Legitimitätsgründen meidet. Es wird zu einem Thema, dessen Meidung selbst zum Legitimitätsproblem werden kann, gegenüber Kapitalgebern, die umdenken, gegenüber einem Staat, der Beiträge erwartet, und gegenüber einer Öffentlichkeit, deren Haltung sich verschiebt.

Was daraus folgt

Bei Defence steht die Industrie an genau diesem Punkt. Noch ist es Gestaltungsphase, noch werden die Rollen verteilt, noch lassen sich Positionen besetzen. Die Frage ist dieselbe wie damals bei ESG, nur dass die Antwort diesmal früher fällig ist. Will man das Thema gestalten, solange es noch offen ist, oder es später erfüllen, wenn es zur Pflicht geworden ist.

Der Bericht ordnet ein, wo die Analogie zur Green Economy trägt und wo sie an ihre Grenzen stößt. Der Download ist ab jetzt verfügbar, hier geht’s zum Report. Wer diese Verschiebung für die eigene Positionierung nutzen will, sollte das Gespräch nicht zu lange aufschieben.
220128 - Portrait - Christian Geiss
Autor

Christian Geiss

Als Senior Vice President bei hy unterstützt Christian unsere Geschäftskunden bei der Entwicklung, Validierung und Kommerzialisierung disruptiver Geschäftsmodelle. Bevor er zu hy kam, war er Director Global Business Innovation bei Mercedes-Benz. In dieser Position erfand er „Mercedes.me“, Benchmark für die direkte und digitale Kundeninteraktion, sowie  „CarMesh“, eine Technologie für  KI-basierten Datenaustausch für Fahrzeuge. Als Mitbegründer und CMO von „Car2Go“ qualifizierte sich Christian für Fast-Track-Programme bei Daimler. Vor seiner Karriere bei Daimler gründete er Deutschlands erste Online-Vertriebsplattform zur Wiedervermarktung von Flotten- und Firmenwagen. Christian hat einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre der Universität zu Köln mit den Schwerpunkten Marketing und Informationstechnologie.